«Jerusalem ist zu einer Geisterstadt geworden»

Ostjerusalem ist seit dem Attentat auf Betende Anfang Woche erstarrt. Es fühle sich gespenstisch an, alle erwarten «nichts Gutes», sagt die ehemalige Nahost-Korrespondentin Iren Meier. Die wachsende Aggression sei fast greifbar.

Palästinenser sitzen auf einer Matratze auf der Strasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In Ostjerusalem werden immer mehr Palästinenser von Israelis auf die Strasse gesetzt. Die Aggression wächst. Keystone

SRF: Wie erleben Sie die Atmosphäre In Jerusalem?

Iren Meier: Ich habe Jerusalem noch nie so erlebt. Es herrscht eine grosse Anspannung. Was mir vor allem auffällt, ist die Stille hier im besetzen Ostjerusalem. Die Leute sprechen kaum. Auch wenn man sie anspricht, reden sie nicht. Am Abend ist alles leer, die Strassen sind verwaist. Es ist wie eine Geisterstadt. Jeder scheint sich zu fragen, was kommt als nächstes und jeder scheint die Antwort schon zu wissen: nichts Gutes. Auch auf der israelischen Seite herrscht grosse Verunsicherung und Anspannung. Man spürt das Misstrauen förmlich.

Jerusalem - erstarrte Stadt

3:28 min, aus Rendez-vous vom 20.11.2014

Die israelische Regierung schien im ersten Moment ratlos. Welche Strategie verfolgt sie jetzt?

Sie macht das, was sie als harte Reaktion angekündigt hat. Sie zerstört die Häuser der Familien der palästinensischen Attentäter. Sie verhaftet Mitglieder dieser Familien. Sie hat heute neue Siedlungen für Ostjerusalem gutgeheissen. Sie beschuldigt den palästinensischen Präsidenten Abbas der Hetze. Und sie diskutiert die Waffengesetze neu. Sie will, dass sich die Israelis leichter bewaffnen können. Man muss aber wissen, dass hier bereits fast alle Siedler bewaffnet sind. Mir scheint, es ist weniger Strategie als vielmehr Reaktion oder Aktion dahinter.

Wie reagieren denn die Palästinenser auf diese Entwicklung?

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Iren Meier

Porträt Iren Meier

Iren Meier ist SRF-Auslandredaktorin mit dem Spezialgebiet Türkei. Sie war von 2004 bis 2012 Nahost-Korrespondentin und lebte in Beirut. Von 1992 bis 2001 war sie als Osteuropa-Korrespondentin tätig – erst in Prag, dann in Belgrad.

Auf der palästinensischen Seite begegnet man eigentlich nur totaler Frustration und Hoffnungslosigkeit. Ich war gestern in einem palästinensischen Quartier in Ostjerusalem nahe dem Tempelberg. Dort ziehen immer mehr israelische Siedler hin. Es sind unterdessen 500 inmitten tausender Palästinenser. Diese Siedlerhäuser werden von der israelischen Polizei und Armee bewacht. Auf der anderen Seite werden die Häuser der palästinensischen Bevölkerung zerstört, weil sie illegal gebaut seien, wie die israelische Regierung sagt. Die Bewohner werden obdachlos. Die Palästinenser sehen das als Vertreibung. Auch die EU redet von einem forcierten Bevölkerungstransfer. Vor allem die junge Generation hat keine Perspektive und die wachsende Aggression ist fast greifbar.

Wie reagiert denn die politische Führung der Palästinenser?

Sie reagiert ziemlich hilflos. Abbas verurteilt das Attentat zwar. Aber er sagt auch, dass die israelische Politik der Grund dafür sei. Die Palästinenser in Jerusalem sind in einer ganz speziellen Situation. Sie sind praktisch abgehängt vom Westjordanland. Sie fühlen sich im Stich gelassen und sind deshalb auch sehr verwundbar.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.