«Jetzt gilt es, nicht mehr wegzusehen»

Alice Schwarzer, die wohl bekannteste feministische Publizistin Europas, eckt einmal mehr an. Weil sie nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht sagt, Männer nordafrikanischer und arabischer Herkunft hätten ein schwerwiegendes Integrationsproblem.

Die feministische Publizistin Alice Schwarzer prägt die Diskussion um die Gewalt von Ausländern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alice Schwarzer fordert, dass die Diskussion um Gewalt von Ausländern «weniger blauäugig» geführt wird. imago

SRF News: Alice Schwarzer, wann haben Sie von der Gewalt gegen Frauen in der Kölner Silvesternacht erfahren?

Zwei Tage später. Bei der «Emma» kamen dann die ersten Fragen und Hilferufe per Mail an. Das Ganze ist ja – das muss man sich mal vergegenwärtigen – nur durch die sozialen Medien in die Öffentlichkeit gedrückt worden. Die Kölner Polizei hatte ja am Morgen nach der Silvesternacht eine Medienmitteilung veröffentlicht, der Silvesterabend sei fröhlich und friedlich verlaufen. Das ist natürlich im Rückblick der nackte Zynismus. Der Punkt ist: Es ist politisch nicht korrekt zu sagen, es waren Ausländer, Migranten, Nordafrikaner, Araber.

Aber ist das denn für Sie so klar? Es gibt ja noch keinen offiziellen Untersuchungsbericht?

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Alice Schwarzer

Alice Schwarzer

Reuters

Die Journalistin Alice Schwarzer (73) gehört in Genderfragen zu den profiliertesten Stimmen Deutschlands. Sie äussert sich seit Jahrzehnten zu Geschlechterrollen in der Gesellschaft, Sexualität, Prostitution, Pornografie oder Gewalt gegen Frauen. Sie ist Mitbegründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma.

Ja, das ist inzwischen auf dem Tisch. Es handelt sich ausschliesslich um Nordafrikaner und Araber. Und wohl auch Flüchtlinge – das hat mich überrascht. Ich dachte zuerst, es seien keine Flüchtlinge dabei. Aber ich finde die Frage auch nicht so wichtig, ob es Flüchtlinge oder Migranten waren. Das Problem ist: Es sind Männer aus einem Kulturkreis, in dem Frauen völlig entrechtet sind. Auch juristisch. Und in dem Gewalt gegen Frauen und Kinder noch selbstverständlich ist. Hinzu kommen die Bürgerkriege, die die Männer brutalisiert haben.

Der Spiegel hat Ihnen Rassismus vorgeworfen, Sie würden ein Klischee befeuern: Das des muslimischen Mannes als Bestie, der seine Frau unterdrückt und westliche Frauen vergewaltigt.

Ich bin eine der wenigen Menschen, die in dieser Debatte von Anfang an gesagt hat: Ich rede hier nicht vom Islam. Sondern vom Islamismus: Dem Missbrauch des Islams für eine politische Strategie. Es gibt natürlich auch Männer, die vor dieser Entwicklung fliehen. Aber wir müssen wissen, dass wir hier Männer haben, die ein ganz anderes Rechtsverständnis und ein ganz anderes Frauenbild haben. Und wir haben die Segregation der Geschlechter zugelassen. Auch an den deutschen Schulen. Wir dürfen nicht nur Mathematik und Deutsch unterrichten. Wir müssen auch Demokratie und Gleichberechtigung der Geschlechter unterrichten.

Aber geraten so nicht alle Männer aus Nordafrika oder dem arabischen Raum unter Generalverdacht?

Nein, das ist ein trauriger Gedanke. Vor dem sollten wir uns hüten. Sexuelle Gewalt ist ein strukturelles Problem, das wir nicht nur in den arabischen und muslimischen Ländern haben. Das haben wir auch bei uns. In Deutschland werden immer noch die meisten Frauen von Deutschen vergewaltigt. Vielleicht die allermeisten im eigenen Ehebett. Und dagegen müssen wir weiter kämpfen.

Aber was wir am Fall Köln nicht vergessen dürfen: Zum allerersten Mal in meinem Leben erlebe ich, dass wir in Deutschland in aller Öffentlichkeit vor den Augen der Polizei einen rechtsfreien Raum haben. Das hat es noch nie gegeben. Und es hat es auch noch nie gegeben, dass eine Männergruppe von 1000 Männern oder mehr sich auf Frauen stürzt. Das ist eine Eskalation, die ein Politikum ist. Über das allgemeine Problem der sexuellen Gewalt hinaus.

Die «Emma» hat einen Forderungskatalog aufgestellt, was jetzt passieren muss. Zum Beispiel: Alle die kommen, müssen möglichst schnell Deutsch lernen. Und alle müssen lernen, dass die Grundrechte über allem stehen. Reicht das? Geht das schnell genug?

Wir haben ein Dilemma. Es wäre natürlich besser gewesen, Länder wie den Irak, Libyen oder Syrien nicht zu bombardieren. Mir war von Anfang klar, dass das Resultat der Zerstörung dieser Länder sein wird, dass die Islamisten sich da verbreiten. Wir haben gedacht, wir können das Problem mit Bomben bekämpfen. Das kann man nicht. Es wäre klug gewesen, den Menschen in den Ländern selbst zu helfen.

Und dasselbe muss bei uns passieren: Wir müssen endlich auch rein in die muslimische Community. Wir müssen den jungen Frauen und den Müttern sagen: Ihr müsst raus hier aus der Wohnung! Ihr müsst Deutsch lernen! Ihr seid hier Bürgerinnen! Wir müssen den Mädchen sagen: Ihr habt dieselben Freiheiten und Chancen wie eure deutschen Freundinnen. Und wir müssen den Jungen sagen: Lasst euch nicht von den Rattenfängern einfangen! Jetzt gilt es, nicht mehr wegzusehen, sondern zu benennen. Und zu fragen, warum es so ist und wie wir es ändern können.

Also Schluss mit Political Correctness?
Ich halte Political Correctness für tief reaktionär. Weil sie die Ideologie über die Realität stellt. Das geht nicht.

Das Gespräch führte Susanne Brunner.

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