Journalismus in der Krise Katerstimmung in den Medienhäusern

Klamme Verleger, «Fake News»-Vorwürfe, fehlendes Vertrauen: Von allen Seiten geraten Medien unter Druck. Das zeigte sich auch an einem Branchentreffen in Hamburg deutlich. Wer ist schuld? Eine Analyse.

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Medien weltweit in keinem guten Licht

Es gab Zeiten, da waren Journalisten so etwas wie Helden. Vom Watergate-Film «All the President's Men» bis zu den Comic-Reportern «Tintin» und «Gaston Lagaffe».

Heute dienen Berichterstatter eher als Schuhabtreter. Wenn der Präsident der mächtigsten Demokratie der Welt sie als «Feinde des amerikanischen Volkes» bezeichnet und ihm, schlimmer noch, Millionen von Bürgern zujubeln, wenn selbst ein neuer, liberaler französischer Staatschef Journalisten vom Elysée-Palast möglichst fernhalten will, dann liegt einiges im Argen.

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Bildlegende: Journalisten im Weissen Haus: Noch nie war das Vertrauen in die Medien in den USA so tief wie heute. Reuters

Das Misstrauen wächst

In den USA traut gerade noch jeder und jede Vierte den Medien. In Frankreich sackte der Wert für Zeitungen und Fernsehen in kürzester Zeit um über zehn Prozentpunkte ab. Einzig dem Radio vertraut noch mehr als die Hälfte, wenngleich nur knapp. Aus anderen Ländern gibt es ähnliche Zahlen. Sie markieren ein Allzeittief.

Kein Wunder herrschte Katerstimmung unter den in Hamburg versammelten Chefredaktoren und Verlegern. Fast alle betonten, dass freie, seriöse Medien nie so wichtig waren wie gerade jetzt, da sich von Peking bis Moskau, von Ankara bis Caracas und neuerdings sogar von Warschau bis Budapest autoritäre Herrscher breitmachen. Ohne freie, kritische Medien keine Demokratie, kein Rechtsstaat.

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Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Woran liegt's?

Doch die Erkenntnis hilft zurzeit wenig. Denn die Bedeutung der Medien wird gleich von zwei Seiten ausgehöhlt.

Von der wirtschaftlichen, indem sich immer weniger Redaktionen überhaupt fundierten Journalismus leisten können. Wenn nun selbst ein Flaggschiff wie der «Spiegel» massiv Personal abbauen muss, ist das ein Alarmsignal.

Erst recht steigt der Druck auf kleinere Medienhäuser, wo Inserenteninteressen immer dreister redaktionelle Inhalte bestimmen. Und: Was klassische Medien verlieren, wächst nicht online nach. Die wenigsten digitalen Redaktionen pflegen nachhaltig teuren Recherchierjournalismus, können sich Auslandkorrespondenten und Fachleute leisten.

Zugleich setzt das schwindende Vertrauen, setzen die «Fake-News»-Anschuldigungen den Medien zu. Wobei, auch das wurde in Hamburg zumindest eingeräumt, ein Teil der Probleme selbstverschuldet sind.

Warum haben in all den Jahren, als die Kassen klingelten, viele Verleger nicht mehr in ihre Redaktionen, in die digitale technologische Weiterentwicklung investiert, statt die Gewinne einfach abzusaugen?

Wieso betrachten viele Medienhäuser Nachrichten schlicht als «Ware», die man ausschliesslich nach Kriterien der Gewinnmaximierung feilbietet? Wo bleibt die Verantwortung? Wo der Aufklärungsgedanke? Dazu gehört auch: Donald Trump wurde auch von den Medien zum Präsidenten gemacht, indem sie ihn zu wichtig nahmen, aber zu wenig ernst.

Immerhin: Es gab am Weltmedienkongress auch Lehren: Mehr Zusammenarbeit – denn nur gemeinsam lassen sich grosse Recherchierprojekte noch stemmen. Mehr Faktenprüfungen, und zwar auch öffentlich. Sagen was man weiss, woher man es weiss – und sagen, was man nicht weiss. Weniger Tempo, mehr Reflexion.

Ausserdem: Runter vom hohen Ross, näher ran zum Publikum – eine Notwendigkeit in einer Zeit der zunehmenden Akademisierung des Journalistenberufs, der Abkoppelung von ganzen Bevölkerungsgruppen. Und schliesslich generell: mehr Bescheidenheit.

Alles nötig, alles richtig. Und besser späte Erkenntnisse als keine. Bloss ein Patentrezept bilden all diese Massnahmen nicht. Bestenfalls kleine Schritte in die richtige Richtung. Die Lage des Journalismus bleibt prekär.