Keine Chance für Extremisten: Patenschaften in der Banlieue

Frankreich will dem Extremismus den Nährboden entziehen. Doch staatliche Eingriffe allein werden das Problem vermutlich nicht lösen. Eigenverantwortung ist gefragt. Erfolgreich praktiziert wird sie schon im Kleinen, zum Beispiel von Yazid und Guy.

Unmittelbar nach den Attentaten von Paris richteten sich viele Augen auf die Vorstädte. Auch die drei Terroristen wurden in diesem Milieu radikalisiert. Deshalb müssten die Bewohner dieser Banlieues, die als Nährboden für Extremisten gelten, nun mit allen Mitteln unterstützt werden, sagt Präsident François Hollande. Sie dürfen den Anschluss an die französische Gesellschaft nicht verlieren.

Zahlreiche engagierte Bürger tragen aber schon heute täglich viel dazu bei, dass junge Menschen nicht von ihrem Weg abkommen. Einer von ihnen ist Yazid.

Yazid steht am Tor zum Campus der Universität Nanterre. Er ist 19 Jahre alt, ein Meter neunzig gross. Er trägt Basketball-Schuhe, schwarze Trainerhosen und eine schwarze Jacke und hat ein schwarzes Gesicht mit einem grossen Lachen. «Jeder Student findet zwei Stunden Zeit pro Woche, das ganze Studium hindurch, um andere Menschen zu unterstützen.» Das könnten sogar noch Doktoranden.

Bis 15 Uhr sass der Psychologiestudent auf der Schulbank. Heute Abend stehen zwei weitere Unterrichtsstunden auf dem Programm. Dazwischen nimmt sich Yazid jede Woche zwei Stunden Zeit für Jugendarbeit in der Banlieue. Er macht das freiwillig, ohne Entgelt.

Ein junger Mann hört Musik mit einem Kind Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Yazid und Guy sind gute Freunde geworden. Das gibt Guy Halt. SRF

Einsatz für die Schwachen

«Ich bin auch in der Banlieue aufgewachsen. Wir hätten mehr soziale Unterstützung gebrauchen können.» Als er gehört habe, dass es Organisationen gibt, die hier arbeiten, sei für ihn klar gewesen: «Ich gebe einem Jungen das, was ich selber nicht haben konnte.»

Seit einem Jahr begleitet Yazid nun Guy Landry. Guy ist erst acht, er ist ein verschmitzter Junge. Sein Zimmer muss er mit seinen älteren Schwestern teilen. Die Mutter Chantal Landry zieht die vier Kinder alleine auf. Sie arbeitet tagsüber. Der Junge drohte den Anschluss in der Schule zu verlieren und revoltierte, auch daheim. Er legte kleine Brände in der Wohnung und kämpfte mit allen Mitteln um Anerkennung.

Darum habe sie Hilfe geholt, in der Schule und bei den Jugendbehörden. Damit Guy wieder Tritt fasst, erklärt die Mutter. «Es war sehr schwierig, meinem Sohn Halt zu geben. Zum Glück versteht er sich ausgezeichnet mit Yazid.» Das sei eine grosse Entlastung für sie. «Der Mittwoch ist ein heiliger Tag geworden für meinen Sohn, weil er mit Yazid zusammensein kann.»

Lieber Fussballspielen als Hausaufgaben machen

Yazid ist einfach da. In den ersten Wochen musste er mit Guy noch die Hausaufgaben erledigen. Nun erledigt der Knabe das wieder selbstständig in der Schule. Heute wollten sie eigentlich Fussball spielen gehen. Das Wetter ist aber schlecht. Darum gehen die beiden in die Gemeindebibliothek. Guy marschiert los. Er muss den Weg alleine finden. Yazid geht ein paar Schritte hinter ihm. Für Bücher interessiert sich der Junge erst, seit Yazid da ist. «In die Bibliothek gehen lenkt mich ab. Das hilft mir, mich zu entspannen.» Sich zu unterhalten, ein bisschen zu amüsieren, dieses Wort habe er zum ersten Mal in einem Buch gelesen, sagt Guy.

«Mit anderen Jungen Kuchen zu backen, einen Film anzuschauen, einfach nur spazieren zu gehen und ein offenes Ohr für den Jungen zu haben. Mehr brauche es gar nicht», erklärt Yazid auf dem Weg zurück nach Hause.

Merkliche Verbesserung in der Schule

«Was Guy braucht, ist einfach nur einen jungen Mann wie mich, der sich etwas Zeit nimmt nur für ihn, ohne seine Schwestern. Das reicht schon.» Er helfe ihm, Dampf abzulassen. Er hoffe, Guy könne sich nächstes Jahr im Fussball-Club einschreiben. «Bis dahin kann er sich mit mir austoben.»

Das Engagement lohnt sich. Letzte Woche hat Guy Landry ein gutes Zeugnis mit nach Hause nehmen dürfen. Er habe 16 von 20 möglichen Punkten für sein Benehmen in der Schule erhalten, erzählt er stolz. Yazid blickt ihn ernst an, als wäre er der Vater: «Das nächste Mal erreichst zu 20 Punkte, das Maximum.»

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