Kenias Frauen: Keine Zeit für Politik

Letzte Woche stürmten in Kenia Dutzende Parlamentarierinnen wütend aus einer Sitzung. Grund war ein neues Polygamie-Gesetz, das die männlichen Politiker durchgewinkt hatten. Doch eine wirklich grosse Protestwelle blieb aus. Warum?

Eine afrikanische Frau bei der Feldarbeit. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Frauen in Afrika sind oft zuständig für die Feldarbeit. Reuters/Archiv

Das neue Polygamie-Gesetz in Kenia legt fest, dass Ehefrauen kein Vetorecht haben, wenn ein Mann weitere Frauen heiraten will. Das Gesetz sei ein Wunsch der männlichen Mehrheit im Parlament, erklärt Afrika-Korrespondent Patrik Wülser im Gespräch mit SRF. «Die Parlamentarier hier in Nairobi diskutieren bereits seit einem Jahr darüber.»

Afrika-Korrespondent Patrik Wülser im Gespräch

4:02 min, aus SRF 4 News aktuell vom 26.03.2014

Zwar müsse der Präsident Kenias das Gesetz noch unterschreiben. Doch sei nicht damit zu rechnen, dass Uhuru Kenyatta ein Veto einlegen wird, sagt Wülser. Die Polygamie sei in Kenia schon Realität und werde nun einfach noch in die Verfassung aufgenommen.

«Das ist afrikanische Kultur»

Begründet wird das neue Gesetz von den Männern laut Wülser mit Aussagen wie «das ist afrikanisch, das ist unsere Kultur, das wollen wir so». Wenn eine Frau einen Mann heirate, dann wisse sie, dass er früher oder später eine zweite und vielleicht eine dritte Frau nach Hause bringen werde. Ein Mann sei eben nur glücklich, wenn er mehrere Frauen habe, heisse es.

«Ich war in Kenia aber auch in anderen afrikanischen Ländern in Dörfern. Da hat der Mann ein Haus und rundum gibt es drei, vier oder fünf Häuser, in denen seine Nebenfrauen wohnen», erzählt Wülser. «Der Mann erklärt dann voller Stolz, dass er jeden Tag auswählen könne, wo er übernachten wird.»

Es gebe auch Männer, welche die Polygamie mit der möglichen Unfruchtbarkeit einer Frau begründeten. Sie sagten, es sei ganz wichtig für einen afrikanischen Mann, viele Nachkommen zu haben. Doch das nennt Wülser eine «fadenscheinige Begründung».

«Frauen sind das Fundament Afrikas»

Zwar haben die Parlamentarierinnen vergangene Woche aus Protest gegen das neue Gesetz wütend die Sitzung verlassen. Doch wirklich heftiger Widerstand blieb aus. Die Frauen hätten schlicht andere Probleme, sagt Wülser.

Zwar seien sie sich durchaus bewusst, dass sie diskriminiert werden. Sie sagen, es sei schmerzhaft für sie, wenn der Mann eine zweite oder eine dritte Frau in den Haushalt bringe. Aber die Frauen hätten keine Zeit für eine politische Aktivität. «Sie ziehen die Kinder auf, sie gehen auf das Feld und in vielen Ethnien bauen sie die Hütten», erklärt Wülser. «Die Frauen sind das Fundament dieses Kontinents.»