«Konflikt im Jemen könnte noch Jahre dauern»

Im Osten breitet sich der IS aus, im Norden und in der Hauptstadt herrschen die Huthi-Rebellen, im Süden bombardieren die Golfstaaten seit vier Monaten das Land. Nach Schätzungen der UNO kamen knapp 4000 Menschen im Jemen ums Leben. Jetzt schickt Saudi-Arabien Bodentruppen. Wo führt das hin?

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Jürg Bischoff

Der Journalist Jürg Bischoff arbeitet seit 1995 für die «Neue Zürcher Zeitung», zunächst als freier Mitarbeiter in Kairo. Von 2001 bis 2009 betreute er den Nahen und Mittleren Osten in der Auslandredaktion der NZZ. Seit 2009 ist Bischoff Nahostkorrespondent mit Sitz in Beirut. Zuvor war er Delegierter des IKRK in Libanon, Iran, Somalia und Sudan.

SRF News: Panzer und Waffen aus Saudi-Arabien und bis zu 1000 Soldaten aus den Arabischen Emiraten, die nun offenbar auf jemenitischem Boden gegen die Rebellen kämpfen – muss man von einer Eskalation sprechen?

Jürg Bischoff: Ja, ganz eindeutig. In den letzten vier Monaten haben die Golfstaaten keine Bodentruppen und keine schweren Waffen nach Jemen gebracht. Nun kommen Panzer, Panzerfahrzeuge, schwere Waffen und zwar nicht nur über den Hafen von Aden sondern auch über die jemenitische Nordgrenze direkt aus Saudi-Arabien.

Welche Strategie verfolgen die Golfstaaten nun mit diesen Bodentruppen?

Es scheint, dass sie von Aden her nach Norden vorstossen wollen und zwar, vor allem haben sie Ta‘izz, Jemens drittgrösste Stadt, im Auge. Dort kämpfen Huthis seit Monaten zusammen mit Armeeteilen, die dem früheren Präsidenten Saleh loyal gegenüberstehen gegen lokale Stammeskämpfer. Mit den schweren Waffen und den neuen Truppen sollen nun die Huthis endgültig aus Ta‘izz vertrieben werden. Auf der anderen Seite ist offensichtlich ein Vorstoss gegen Ma’rib geplant. Das ist östlich von Salah. Auch dort kämpfen seit Monaten lokale Kämpfer gegen die Huthis.

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Bildlegende: Die strategisch wichtigen Städte Jemens. In Aden befindet sich ein wichtiger Hafen und Sanaa ist die Hauptstadt. SRF

Die Hauptstadt Sanaa ist offenbar immer noch fest in der Hand der Huthis, die von Iran unterstützt werden. Kann man sagen, wer Sanaa kontrolliert, kontrolliert Jemen?

Ja, wer Sanaa kontrolliert, hat natürlich die Hauptstadt in der Hand und damit eine gewisse Legitimität. Die Huthis sind im Norden Jemens ganz sicher die dominante Partei. Sie haben dort auch eine breite Unterstützung in der Bevölkerung und wenn dann von Ta’izz und von Ma‘rib her versucht wird, gegen Sanaa vorzustossen, dürften die Truppen der Golfstaaten einige Schwierigkeiten haben.

Angesichts des massiven Eingreifens der Golfstaaten und angesichts dessen, dass die Huthi-Rebellen von Iran unterstützt werden, lässt sich sagen, in welche Richtung sich dieser Konflikt weiterentwickelt?

Die Huthis werden von Iran politisch unterstützt. Es ist überhaupt nicht klar, ob sie auch materielle Hilfe, also auch Waffenhilfe erhalten. Wie sich der Konflikt entwickelt, ist schwer abzusehen. Klar ist, dass ein grosser Teil des Landes eigentlich von niemandem mehr regiert wird, dass ein grosses Chaos herrscht und sich vor allem im Osten al-Kaida-Verbände ausbreiten. Man kann deshalb davon ausgehen, dass dieses Land noch Monate, vielleicht Jahre, in einem sehr schwierigen Zustand sein wird.

Sprechen wir noch über die Menschen im Land. Tausende Zivilisten sind auf der Flucht vor den Kämpfen und es ist von Hunger die Rede. Was wissen Sie über den Zustand der Zivilbevölkerung?

Am Schlimmsten war es in den letzten Monaten in Aden, weil dort die schwersten Kämpfe stattfanden. Die Bevölkerung musste sich inmitten der Kämpfe schützen. Das hiess auch, dass keine Hilfsgüter mehr nach Aden gelangten. Dort hat sich die Situation aber entspannt. Nahrungsmittel und medizinische Hilfe sind angekommen. Für den Rest des Landes ist es immer noch sehr schwierig, weil die Saudis eine Blockade eingerichtet haben. Das heisst, dass Lebensmittel nur sehr beschränkt ankommen und wegen der Kämpfe auch kaum verteilt werden können.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.