Krieg trifft mehr und mehr Zivilisten

Die Welt ist weit davon entfernt, friedlich zu sein – aber es stimmt nicht, dass es immer mehr Kriege gibt. Tatsächlich leiden aber immer häufiger Zivilisten unter kriegerischen Auseinandersetzungen. Dies zeigt der erste «War Report».

Eigentlich ist es erstaunlich: Bisher fehlte jede Übersicht und Einordnung, wo in der Welt überhaupt Kriege stattfinden. Doch die UNO drückte sich bisher darum, klar zu definieren, wo, zwischen wem, mit welchen Mitteln Kriege geführt werden. Denn ob gewalttätige Auseinandersetzungen als Kriege gelten oder nicht, hat Konsequenzen: dafür, welche Mittel eingesetzt werden dürfen, welchen Schutz Kriegsgefangene geniessen und vor allem ob und wie Kriegsverbrechen geahndet werden.

In diese Lücke springt nun eine Genfer Denkfabrik, die Akademie für Menschenrechte. Sie wird getragen vom renommierten Institut für internationale Studien und der Universität Genf. Stuart Casey-Maslen ist der Herausgeber des erstmals publizierten «War Reports».

Weniger Kriege zwischen Staaten

Es zeigt sich: Im Jahr 2012 fanden weltweit 38 Kriege statt. Nur einer davon zwischen zwei Staaten, Sudan und Südsudan. Immer häufiger handelt es sich um Konflikte zwischen einer Regierung und bewaffneten Rebellen.

95‘000 Tote forderten diese Kriege gesamthaft, die Hälfte davon allein in Syrien. 9000 Tote gab es in Mexiko, im Drogenkrieg, weitere 7500 in Afghanistan. Opfer sind überwiegend nicht Soldaten, nicht Guerillakämpfer, sondern unbeteiligte Zivilisten.

Auch sexuelle Gewalt im Krieg

Mitunter sind es sogenannte Kollateralschäden, also Bürger, die zu Opfern werden, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Sehr oft aber, so Stuart Casey-Maslen, richten sich die Attacken gezielt gegen Zivilisten. Ganz besonders im syrischen Bürgerkrieg. Dazu kommt die enorme Zahl von sexuellen Attacken, vornehmlich auf Kinder und Frauen, zum Teil auch gegen Männer. Damit wird versucht, die Gegner abzuschrecken und zu demoralisieren.

Gegen eine Kultur der Straflosigkeit

Neue Waffen, neue Technologien führen dazu, dass selbst relativ schwache, aber skrupellose Gruppierungen riesige Blutbäder anrichten können. Und dass Kriege sich sehr rasch über sehr grosse Distanzen ausbreiten.

Der «War Report» aus Genf will aber nicht bloss eine umfassende und neutrale Bestandsaufnahme sein. Er will politisch etwas bewirken. Er will dafür sorgen, dass auch inoffizielle, nicht deklarierte Kämpfe als Kriege anerkannt werden – damit auch dort die Respektierung des humanitären Kriegsvölkerrechts eingefordert werden kann. Und er will vor allem, dass Schluss ist mit der Kultur der fast völligen Straflosigkeit für Täter.

Während in den meisten Ländern zumindest versucht wird, zivile Verbrechen zu ahnden, ist es bei Kriegsverbrechen üblich, wegzuschauen. Es gibt zwar einige Versuche, dem entgegenzuwirken. So hat die UNO in Afghanistan begonnen, Kriegsverbrechen zu dokumentieren, Schuldige zu benennen.

Erste Erfolge weise auch der Internationale Strafgerichtshof ICC in Den Haag vor. Und die USA und Grossbritannien hätten Strafverfahren eröffnet, zumindest gegen einzelne ihrer Soldaten in Irak und Afghanistan.

Doch das sind vorläufig noch Einzelfälle. Der «War Report» soll künftig Jahr für Jahr aufzeigen und mahnen, wo überall sonst dringend etwas unternommen werden müsste.

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