Kriegsübung an der Puppe

Heutige Kriege fordern immer mehr Verletzte, oftmals durch Sprengfallen. Viele Opfer überleben, weil die Kriegschirurgie grosse Fortschritte macht. Doch die Behandlung von Kriegsverletzungen muss auch geübt werden.

Ein ländliches Idyll. Irgendwo in den grünen, sanft gewellten Hügeln von Südwales. In einer Senke befindet sich ein grosser Golfplatz mit kleinem See, daneben ein Wäldchen. Gleich davor steht ein feldgrünes Zelt, ein Stromgenerator knattert.

Bein wird amputiert

Im Zelt beginnt gleich eine Operation an einem Schwerverletzten. Der Chirurg, sein Assistent und die Krankenschwester legen Messer, Säge, Nadeln zurecht. Aus dem verstümmelten Körper auf der Liege quillt Blut. Ein Bein ist halb abgerissen, ein gelbliches Knochenstück ragt heraus.

Chirurgen üben am Körpersimulator

1:27 min, vom 21.11.2014

Es handle sich hier um ein typisches Opfer einer improvisierten Sprengstoffbombe, wie sie hauptsächlich Terroristen verwenden, sagt Professor Ian Pallister. Dann macht er sich ans Werk. Zunächst muss er den massiven Blutfluss stoppen. Das gelingt erst, nachdem noch mehrmals ein Schwall aus dem halb abgerissenen Bein gekommen ist. Dann werden Knochensplitter entfernt.

Das Team arbeitet konzentriert, völlig ruhig, äusserst speditiv. Die ganze Operation dauert nur Minuten, denn bei der Kriegschirurgie muss es schnell gehen. Am Ende ist der Beinstumpf vernäht. Mit ein paar Schnitten werden die zu langen Fäden abgetrennt. Der Patient hat überlebt, mit einem nur noch kurzen Beinstumpf auf der rechten Seite.

Zum Glück nur eine Übungsattrappe

Oder korrekt gesagt: Der Patient hätte überlebt. Denn auf dem Operationstisch liegt kein echter Mensch, sondern eine fast perfekte Attrappe. Der Prototyp wurde gemeinsam von der Armee und Experten der Universitäten Swansea und Cardiff entwickelt, wie Brigadier Tim Hodgetts, Oberfeldarzt der britischen Streitkräfte, erklärt. Die Attrappe hat exakt dasselbe Gewicht, dieselbe Struktur und Konsistenz wie ein echter menschlicher Körper. Haut, Gefässe, Fett, Knochen – alles ist detailgetreu nachgebaut.

Kriegschirurgie ist ein grausames, aber ungemein wichtiges Handwerk. Es hat gewaltige Fortschritte erlebt. Im amerikanischen Sezessionskrieg im 19. Jahrhundert starben noch 42 Prozent der Verletzten, im Zweiten Weltkrieg waren es noch 30 Prozent. In heutigen Kriegen sind es noch 10 Prozent. «In jedem grösseren Krieg sind substanzielle medizinische Fortschritte erzielt worden», sagt Brigadier Hodgetts, der selber als Feldarzt in Nordirland, Afghanistan, Kosovo und Kuwait tätig war.

Üben auch für Katastrophenfälle

Zwei Drittel der Kriegsversehrten sind heute Opfer von Sprengbomben, die übelste Verletzungen hinterlassen. Entscheidend ist fast immer, wie rasch ein Opfer behandelt wird, wenn es mit einem tellergrossen Krater im Bauch, zerfetzten Beinstümpfen oder abgerissenen Gesässmuskeln eingeliefert wird. Feldärzte sprechen von den «goldenen Minuten», die über Leben oder Tod entscheiden.

Je wichtiger das Tempo ist, um so entscheidender ist, dass Kriegsärzte die Versorgung der Schwerverletzten üben. Deshalb nutzt die britische Armee neuerdings diese Körpersimulatoren. Sie schafften praktisch zu 100 Prozent echte Bedingungen, ohne dass man für Übungsoperationen auf Tiere ausweichen müsse, sagt Pallister. Denn das sei politisch hoch umstritten.

Der Professor – er hat die Übungsatrappe entwickelt – geht davon aus, dass künftig viele von diesen hergestellt werden. Auch Briagadier Hodgetts empfiehlt sie Streitkräften anderer Länder und auch der zivilen Medizin. Letztere ist etwa in Katastrophensituationen vor ähnliche Herausforderungen gestellt wie die Feldmedizin.