«Kriminelle horten gar nicht so viel Bargeld»

Das Ende der 500-Euro-Note naht. Die Begründung der Europäischen Zentralbank: Die grosse Note fördere die Kriminalität. Aber nimmt die Kriminalität tatsächlich ab, wenn die «500er» weg ist? Strafrechtsexperte Martin Killias bezweifelt das.

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Der Strafrechts-Experte

Porträt von Martin Killias.

Martin Killias ist seit 2013 ist ständiger Gastprofessor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der Universität St. Gallen (HSG). Zuvor war der heute 68-Jährige unter anderem Ordinarius am Rechtswissenschaftlichen Institut der Universität Zürich und Co-Direktor des Kriminologischen Instituts.

SRF News: Gibt es weniger Kriminalität, weniger Geldwäscherei, weniger Drogenhandel, sobald die 500-Euro-Note ausgemustert ist?

Martin Killias: Wohl kaum. Die Abschaffung der 500er-Note wird mit Blick auf die Kriminalität nicht viel bringen. Denn das Ausmass der Geldwäscherei und damit auch des Hortens von Bargeld wird meines Erachtens überschätzt.

Der Normalfall ist doch, dass Kriminelle ihre Einnahmen fortwährend verprassen. Und das geht auch mit 50-Euro-Noten.

Die EZB verweist darauf, dass die 500er-Note vor allem Drogenhändlern und Geldwäschern diene. Stimmt das denn nicht?

Da würde mich interessieren, wie die EZB zu dieser Erkenntnis kommt. Das ist eine typische Gratis-Behauptung.

Das Geschäft von Kriminellen würde aber umständlicher ohne 500er-Note: Allein die Aufbewahrung von Geld würde teurer. Dieses Argument überzeugt Sie nicht?

Wenn jemand grosse Mengen Bargeld hortet, dann wird es wohl teurer. Das Horten von kleineren Banknoten ist schwieriger und aufwändiger. Aber eben: Ich bezweifle, dass Kriminelle so viel Bargeld horten, wie man immer meint.

Eigentlich müsste es in der Schweiz, wo 1000-Franken-Noten im Umlauf sind, mehr Kriminalität geben als in den USA oder in Grossbritannien, wo es keine so grossen Noten gibt...

Die Schweiz ist ja genau das Gegenbeispiel, das die Argumentation der Europäischen Zentralbank widerlegt. Trotz 1000er-Noten ist das Ausmass der Schattenwirtschaft hierzulande tief, ebenso ist der Bargeld-Umlauf tief.

Umso schlimmer wäre es, den Bargeld-Umlauf einzuschränken, da viele Menschen keinen Zugang zum Bankensystem haben, Menschen am Rande der Gesellschaft.

Wen meinen Sie genau?

Jedenfalls nicht Leute wie Sie und ich. Wir mit unserem geregelten Alltag erhalten jeden Monat unseren Lohn auf unser Bankkonto überwiesen.

Viele Leute haben aber keinen Zugang zu einem Bankkonto und schon gar nicht zu Kredit und Kreditkarte. Viele ausländische Studierende beispielsweise können hier kein Konto eröffnen. Oder denken Sie an die neue Flüchtlingswelle: Wie viele dieser Menschen haben ein Bankkonto? Die sind auf Bargeld angewiesen.

Einschränkungen bei der Bargeld-Versorgung würden Ungleichheiten, die schon vorhanden sind, sogar noch verstärken.

Manche Leute fragen sich auch, ob ihr Geld bei einer Bank noch sicher sei. Zu Recht?

Es gibt tatsächlich Leute mit einem grundlegenden Misstrauen gegenüber dem Bankensystem, und die setzen auf Bargeld. Im Übrigen ist ja auch das aktuelle Umfeld mit Negativ-Zinsen bei den Banken ein Grund, um Bargeld zuhause zu lagern.

Das Gespräch führte Iwan Lieberherr.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

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