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International Labour rückt nach links: Corbyn ist neuer Oppositionsführer

Der Alt-Linke Jeremy Corbyn ist mit fast 60 Prozent aller Stimmen zum neuen Führer der britischen Labour-Partei gewählt worden. Das Resultat kommt einem Erdbeben in der britischen Parteienlandschaft gleich.

Legende: Video Rebell wird Parteichef abspielen. Laufzeit 3:36 Minuten.
Aus Tagesschau vom 12.09.2015.

Deutlicher als erwartet ist der Aussenseiter Jeremy Corbyn zum neuen Vorsitzenden der britischen Labour-Partei gewählt worden. Mit über 59 Prozent der abgegebenen Stimmen wurde der 66-jährige Alt-Linke schon im ersten Wahlgang gewählt.

Corbyn tritt in die Fussstapfen von Ed Miliband, der die Unterhauswahl im Mai überraschend deutlich verloren hatte und sogleich zurückgetreten war. Zum Stellvertreter Corbyns wurde im dritten Wahlgang der Abgeordnete Tom Watson gewählt, der einst zum vorzeitigen Rücktritt des früheren Labour-Premierministers Tony Blair beigetragen hatte. Labour müsste 2020 rund 100 zusätzliche Unterhausmandate gewinnen, um eine Mehrheitsregierung zu bilden.

Gegen die eigene Partei

Corbyn vertritt den Londoner Wahlkreis Islington Nord seit 1983 im Unterhaus, hat aber nie eine verantwortungsvolle Rolle für die Partei übernommen. Stattdessen hat er im Verlaufe seiner Karriere rund 500 Mal gegen seine eigene Partei gestimmt.

Der neue Oppositionsführer verspricht, die Sparpolitik der konservativen Regierung zu beenden und mithilfe der Notenpresse den Wohnungsbau und Infrastruktur-Projekte zu finanzieren. Er will die Steuern für die Bessergestellten erhöhen und die Steuerhinterziehung energischer bekämpfen.

Aussenpolitisch vertritt Corbyn Ansichten, die vom bisher gültigen Konsens stark abweichen. Er will die Militärausgaben kürzen und steht sowohl der Nato als auch der Europäischen Union kritisch gegenüber.

Der Überraschungs-Kandidat

Als die neue Labour-Fraktion nach der verlorenen Wahl die Kandidaten für den Parteivorsitz nominierten, sah es lange Zeit danach aus, als ob Corbyn es gar nicht schaffen würde. Buchstäblich in letzter Minute erbarmten sich einige Abgeordnete, die allerdings keinen Hehl aus ihrer Überzeugung machten, dass Corbyn ungeeignet wäre. Die Buchmacher gaben dem linken Kandidaten anfänglich Chancen von 200 : 1.

Doch das noch unter Miliband eingeführte, neue Wahlsystem sorgte alsbald für Überraschungen. Vor der Wahl im Mai verfügte die Labour-Partei noch über rund 200 000 Mitglieder. Schliesslich waren über 550 000 wahlberechtigt, über drei Viertel von ihnen stimmten auch ab. Die sprunghafte Zunahme der Wahlberechtigten beruhte zum einen auf einem Zustrom neuer Mitglieder, zum zweiten auf den Anträgen von Gewerkschaftsmitgliedern auf einen Wahlzettel und drittens auf der Möglichkeit, für die bescheidene Summe von drei Pfund ein zeitweiliger Freund der Labour-Partei zu werden.

Ein Politiker mit Ecken und Kanten

Während des Wahlkampfs zeigte sich schon bald, dass der dezidiert un-modische Corbyn sich scharf von seinen blassen, zentristischen Konkurrentinnen abhob. Liz Kendall, Andy Burnham und Yvette Cooper blieben blass und berechnend: Ihr Ziel war es vor allem, sich für die nächste Parlamentswahl zu positionieren und keine Wählergruppen vor den Kopf zu stossen.

Corbyn redete stattdessen, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Er vermochte damit Wählerkreise zu begeistern, die entweder neu zur Politik stiessen oder aber zu einer Labour-Partei zurückkehrten, die sie unter dem wendigen und pragmatischen Tony Blair verlassen hatten.

Droht eine Palastrevolution?

Die überwiegende Mehrheit der Labour-Fraktion teilt Corbyns politische Überzeugungen nicht. Der «Daily Telegraph» prognostizierte heute, dass rund ein Dutzend prominenter Labour-Politiker sich weigern dürften, unter Corbyn im Führungs-Team («Front Bench») zu dienen. Manche orakelten schon von einer baldigen Palastrevolution gegen Corbyn, doch das scheint überzogen.

Obwohl begründete Zweifel bestehen, ob Labour unter Corbyn je eine Parlamentswahl gewinnen könnte, werden sich die Gewichte im Unterhaus sofort verschieben. Der konservative Premierminister David Cameron verfügt nur über eine hauchdünne Mehrheit und über zahlreiche eigenwillige, widerspenstige Abgeordnete. Die neue Labour-Partei wird reichlich Gemeinsamkeiten mit der schottischen Nationalistenpartei SNP entdecken, die derzeit links von Labour politisiert. Cameron wird damit noch mehr als bisher zum Gefangenen seiner eigenen Fraktion.

Sendebezug: SRF 4 News, 13:00 Uhr

Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

Wer ist Jeremy Corbyn?

Wer ist Jeremy Corbyn?

Lesen Sie hier mehr darüber, wer der neue Labour-Chef ist.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von P. Studer (Besorgter Bürger)
    Ein bisschen weiter Links ist immer gut. Zu weit rechts im Teich holt man viel heraus, nur keine essbaren Fische... Wenn die SVP ihre extremen Elemente loswerden würde, könnte die Partei auch wieder vernünftige bürgerliche Politik betreiben. "Welcome back", könnte man aus der Sicht der Realpoilitik sagen.
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Leider hat man noch nicht bemerkt, dass Links nicht in jedem Land die gleiche Richtung vertritt. Dieser Linke steht ganz bestimmt neben der Meinung der vernünftigen, einheimischen britischen Bevölkerung. Das lässt sich die andere Seite aber gerne gefallen, so ist jede Gefahr gebannt. Politik ist eben nicht nur kritisieren, sondern heisst auch "Hirn einschalten". Der Mann passt aber sehr gut zu den "Linken", gratuliere.
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    1. Antwort von Kim Hansson (Freddy Tobler)
      Das sehe ich definitiv anderst. Endlich ein linker Politiker mit den Füssen am Boden, mit Wirtschaftsverständniss und Weitblick + das ganze noch mit intakter Moralvorstellung. Ps: Von den Medien und einigen Politiker wurde gegen ihn gehetzt, ähnlich wie gegen Niguel Farage hinter dem mittlerweilen die Mehrheit des Volkes steht, also von wegen die Gegenseite freut sich über die Wahl von Corbyn.
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  • Kommentar von E. Wagne (E. Wagner)
    Corbyn ist definitiv der Mensch, den Labour momentan braucht. Ein vernünftiger Mensch, dem eine Politik für die Menschen statt für die Wirtschaft vorschwebt und der die Idee der ArbeiterInnenbewegung konsequent durchsetzen will. So jemanden bräuchte auch jedes Land für die ArbeiterInnenparteien endlich an der Spitze.
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