Zum Inhalt springen

International «Libyen versinkt im Chaos»

Sie ist machtlos: Die libysche Übergangsregierung von Ali Zeidan. Weil die politischen Kräfte so zersplittert sind, musste Seidan allen ein bisschen Macht geben. Nun blockieren diese sich selbst. Wohin die Blockade führen kann, erklärt Libyen-Experte Wolfram Lacher im Interview.

Brennendes Auto, Menschen im Hintergrund, Mann im Vordergrund wegrennend
Legende: Libyen ist auch zwei Jahre nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes alles andere als stabil. Reuters

SRF News Online: Wer regiert Libyen?

Wolfram Lacher: Es herrscht in Libyen zurzeit kein Krieg, aber das Land versinkt im Chaos. Es gibt keinen funktionierenden Sicherheitsapparat und die Regierung hat kaum Einfluss. Sie ist dem Druck einer Vielzahl bewaffneter Gruppen ausgeliefert. Diese vertreten oft lokale Interessen – Städte, Stämme und ethnische Minderheiten, aber auch islamistisch geprägte Gruppierungen.

Warum ist die Regierung nicht einheitlicher?

Es gibt keine dominierende politische Kraft. Deshalb hat Ministerpräsident Zeidan versucht, möglichst alle Kräfte in die Regierung einzubinden. Das Problem ist aber, dass sich die Regierung deshalb selbst blockiert. Weil so viele mitreden und es keine Mehrheit im Parlament gibt, kann die Regierung keine Probleme lösen. Sie ist machtlos.

Wird sich daran etwas ändern?

Es gibt Anzeichen dafür, dass eine Allianz des revolutionären Lagers versucht, die Regierung zu übernehmen. Das sind Gruppen aus Städten wie Misrata, Sawija oder auch aus Teilen der Hauptstadt Tripolis, die während der Revolution eine wichtige Rolle spielten. Aber auch islamistische Gruppierungen sind darin vertreten. Falls diese Allianz die Regierung übernehmen sollte, droht dem Land aber noch grösseres Ungemach. Denn das würde bedeuten, dass eine Regierung auf einer schmaleren Machtbasis gebildet wird. Das Risiko besteht, dass sich dann all jene Gruppen, die nicht dazu gehören, vom politischen Prozess abwenden und die Regierung nicht mehr anerkennen. Das könnte bedeuten, dass der Übergangsprozess an sich scheitert.

Eine ausweglose Situation?

Ja, kann man so sagen. So wie die politischen Verhältnisse jetzt sind, kann niemand das Land regieren. Im besten Fall hat Libyen einen mehrjährigen, schwierigen und instabilen Weg hin zur Ausarbeitung einer Verfassung und verfassungsgemässen Wahlen vor sich. Aber das Scheitern des politischen Prozesses und eine Eskalation der schwelenden Konflikte stellen eine reale Gefahr dar.

Sind es vor allem säkulare und muslimische Kräfte, die um die Macht buhlen?

In Libyen gibt es kaum ernstzunehmende säkulare politische Kräfte. Allgemein scheint eine konservative, durch den Islam geprägte Gesetzgebung mehrheitsfähig. Es sind lokale Kräfte, welche die politische Landschaft dominieren. Stämme, Städte, ethnische Minderheiten sowie verschiedene islamistische Strömungen kämpfen um politischen Einfluss.

Das Gespräch führte Daniel Daester.

10 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Albert Planta, Chur
    Diktaturen sind vor allem für rechtsnationale Kreise durchaus eine Option. Für solche Kreise ist es zweitrangig ob die Bevölkerungen solcher Diktaturen darben müssen. Hauptsache, man kann Vorteile für sich selber daraus ziehen.--> Gadhaffi und Berlusconi.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Marianne Roe, Gwatt
    Man muss, ob man will oder nicht, die Regierung befreien, damit sie sich im Kampf stellen kann. Das ist so, wie man die Natur im Tierreich gewähren lassen muss, dass der Stärkere den Schwächeren besiegt. Falls nicht die Regierung als Sieger hervor geht, muss auch ein anderer Gewinner akzeptiert werden. That's life - Wir dürfen nicht versuchen Gott zu spielen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Fadri Pitsch, 8004 Zürich
    Sie haben wohl vergessen was während der Gadaffi Zeit alles gelaufen ist. Dass sogar ein Schweizer ABB Ang. unschuldig sass. Demokratische Prozesse dauern ein bis zwei Generationen. Erinnere mich an mein Geschichs Studium. Europa und auch Helvetien hat auch sehr lange gebraucht bis es zur Demokratie kam. Das waren nicht ein paar Jahre nein es hat sehr lange gedauert. Natürlich verurteile ich auch alles extreme. Kenne aber die Stämme Mentalität und Realität in Lybien auch. Ohne Hilfe gehts nicht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen