Macht die Türkei Ölgeschäfte mit den IS-Schergen?

Wollte sich die Türkei mit dem Abschuss eines russischen Kampfjets den Ölhandel mit der IS-Terrormiliz sichern? So jedenfalls sieht es Kremlchef Wladimir Putin. Der Vorwurf sei im Kern wohl nicht unberechtigt, schätzt Nahostexperte Michael Lüders.

Finanzquellen austrocknen: Eine Öl-Raffinerie nördlich von Bagdad nach einem Angriff der Anti-IS-Allianz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: IS-Finanzquellen austrocknen: Öl-Raffinerie nördlich von Bagdad nach einem Angriff der Anti-IS-Allianz. Keystone/Archiv

«Wir haben allen Grund zu glauben, dass die Entscheidung zum Abschuss unseres Flugzeugs vom Willen bestimmt war, die Öl-Liefererrouten zum türkischen Territorium zu sichern.» Mit dieser Äusserung am Rande der Klimakonferenz in Paris heizt Russlands Präsident Putin die Krise mit Ankara weiter an. Präsident Erdogan bestreitet dies vehement und forderte Putin zum Rücktritt auf, falls er keine Beweise vorlege: Einschätzungen des Nahostexperten Michael Lüders.

SRF News: Öl aus IS-Gebieten komme «auf industrielle Weise» Richtung Türkei, sagt Putin. Was ist von diesen Vorwürfen zu halten?

Michael Lüders: Die Vorwürfe sind im Kern nicht unberechtigt. Dass es diese Ölgeschäfte gibt, ist seit geraumer Zeit bekannt. Der Sohn des türkischen Präsidenten Erdogan soll in die Geschäfte verwickelt sein. Er befindet sich seit einiger Zeit im Ausland. Angeblich, um einer Strafverfolgung in der Türkei zu entgehen.

Sind diese Geschäfte belegt?

Die Geschäfte sind gemäss türkischen Quellen belegt. Gesicherte Erkenntnisse über das Volumen gibt es nicht, da alles im illegalen Bereich abläuft. Türkische Medien berichteten wiederholt über enge geschäftliche Verbindungen zwischen dunklen Kräften in der Türkei und der Terrormiliz Islamischer Staat.

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Michael Lüders

Michael Lüders

Michael Lüders ist deutscher Politikwissenschafter, Islamwissenschafter und Publizist. Er bereiste als Nahost-Korrespondent der «Zeit» viele arabische Länder. Lüders berät unter anderem das deutsche Auswärtige Amt. Zu seinem Fachgebiet zählt die Ursachenforschung islamistischer Gewalt.

Zwar ist die Grenze zwischen der Türkei und Syrien offiziell geschlossen. De facto findet aber ein reger Warenverkehr statt. Offenbar profitieren hohe Kreise davon. Erdogan persönlich fühlt sich offensichtlich betroffen, hat er doch am letzten Freitag die Verhaftung des Chefredaktors der Oppositionszeitung «Cumhuriyet» angeordnet.

Es gibt also starke Hinweise, dass die Türkei den IS-Terroristen unverarbeitetes Öl abkauft. Wer ist sonst noch Abnehmer?

Das unraffinierte Erdöl wird vor allem auch ans Assad-Regime in Damaskus verkauft. Das ist der zweitgrösste Abnehmer. Der Handel zwischen Kriegsparteien erstaunt. Aber auf geschäftlicher Ebene ist man sich offenbar näher gekommen. Es ist auch ein Hinweis darauf, dass das Assad-Regime und die Terrormiliz IS ihre jeweiligen territorialen Interessengebiete abgesteckt haben und man die jeweiligen Grenzen der anderen Seite akzeptiert.

Wer übernimmt die Weiterverarbeitung des Öls?

Darüber gibt es keine gesicherten Kenntnisse. Angeblich soll die Raffinierung in der Türkei stattfinden. Das verarbeitete Öl wird dann in reguläre Kanäle eingespeist, sodass die Herkunft nicht mehr feststellbar ist.

Wohin geht das Öl nach der Verarbeitung in der Türkei?

Man weiss es nicht. Es ist aber davon auszugehen, dass das Öl in Richtung Europa und damit auch in die Europäische Union fliesst.

Kann mit den Angriffen auf die Ölförderanlagen die Terrormiliz empfindlich getroffen werden?

Es wird nicht reichen, um die Terrormiliz zu besiegen. Auch ist die Bombardierung der Ölfelder zweischneidig, denn man möchte ja die Ölfelder zurückerobern. Wenn alles zerbombt wird, könnten Irak und Syrien dereinst erst nach mühseligem Aufbau wieder Devisen erwirtschaften. Grenzen sind den Bombardements auch gesetzt, weil sich die Erdölförderanlagen oft unweit von Wohnsiedlungen befinden.

Das Gespräch führte Simon Leu.