Grossbritannien hat einen neuen Premierminister. Andy Burnham hat am Montag das Amt offiziell von seinem Vorgänger Keir Starmer übernommen. Burnham ist die siebte Person innerhalb von zehn Jahren in diesem Amt. Der Grossbritannien-Beobachter schätzt, dass Burnham Flügelkämpfe innerhalb der Partei beenden muss, wenn er länger im Amt bleiben will.
SRF News: Was ist in Grossbritannien los, dass in letzter Zeit die Premierministerinnen und Minister nur so kurz im Amt sind?
Sascha Zastiral: Bis 2016 war es ja einigermassen okay. Von 2010 bis 2016 war David Cameron von der konservativen Partei im Amt. Dann sagte das britische Stimmvolk Ja zum Austritt Grossbritanniens aus der EU. Der Brexit, und wie man ihn umsetzen soll, lösten innerhalb der konservativen Partei Streit und Flügelkämpfe aus, die ins Chaos führten.
Keir Starmer hat den linken Parteiflügel kaltgestellt. Andy Burnham hat angekündigt, dass er den Streit innerhalb der Partei beenden will.
Und die Flügelkämpfe wiederholen sich. Als vor zwei Jahren die Labour-Partei mit Keir Starmer an die Macht kam, hat er erst mal den linken Flügel innerhalb der Partei kaltgestellt. Andy Burnham hat bereits angekündigt, dass er den Streit innerhalb der Partei beenden will. Ob ihm das gelingt, wird sich schon innerhalb der ersten Tage im Amt zeigen.
Wo steht Andy Burnham politisch?
Andy Burnham beruft sich stark auf seine Zeit als Bürgermeister der Region Greater Manchester. Ich würde sagen, da hat er eine traditionell sozialdemokratische Politik gefahren. Die Region hat sich um grundlegende Dinge wie den Verkehr gekümmert und den Wohnungsbau angekurbelt.
Burnhams Idee ist, dass der Staat dort aktiv ist, wo es um Grundbedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger geht. Gleichzeitig hat Burnham aber auch immer betont, dass er sehr wirtschaftsfreundlich ist, und die Wirtschaft in anderen Sektoren machen lässt. Und das will er jetzt im Prinzip aufs ganze Land übertragen.
Was erwarten diese Menschen in Grossbritannien von ihm?
In allen Umfragen sagen die Leute einheitlich: Das Hauptproblem sind die Lebenshaltungskosten. Die sind in Grossbritannien einfach verheerend hoch, schuld daran ist unter anderem der Brexit. Burnham hat gesagt, dass er schon diese Woche eine Reihe von Ankündigungen machen werde, mit denen die Lebenshaltungskosten gesenkt werden sollen. Was das konkret sein soll, hat er aber noch nicht gesagt.
Burnham war fast zehn Jahre weg von der nationalen Politik. Kann er jetzt einfach Premier sein?
Er selbst sagt, er sei bereit. Und er war ja nicht irgendein Kleinstadtbürgermeister. In Greater Manchester stand er einem Regierungsapparat vor, der auch schon rund 600 Angestellte hatte.
Das ist nochmals eine ganz andere Nummer als in der Region Manchester.
Aber es wird sich natürlich in der Praxis zeigen müssen, weil die unterschiedlichen Interessen, die er nun jonglieren muss, und die verschiedenen Streitigkeiten und Konflikte, die sich ergeben werden, auf Landesebene noch mal eine ganz andere Nummer sind als in der Region Manchester.
Was denken Sie, wird Andy Burnham länger als eine Legislatur durchhalten?
Er spricht ja von einem Zehnjahresplan. Wobei er einerseits betont, dass sich dieser Zehnjahresplan auf das Land bezieht und nicht darauf, dass er glaubt, zehn Jahre im Amt zu bleiben. Gleichzeitig hört man aber auch, dass er gerne diese zehn Jahre bleiben würde. Erst muss er aber die Flügelkämpfe innerhalb der Labour-Partei beenden, das wäre als Grundlage für seine weitere Amtszeit nicht schlecht.
Das Gespräch führte Reena Thelly.