Krise in Venezuela «Maduro fährt einen doppelzüngigen Kurs»

  • Am Mittwoch demonstrierten Zehntausende Venezolaner im ganzen Land gegen die Regierung von Präsident Nicolás Maduro.
  • Zwei Demonstranten wurden erschossen, auch ein Mitglied der Sicherheitskräfte kam ums Leben.
  • Nun droht die Situation zu eskalieren, wie die Journalistin Sandra Weiss berichtet.
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Sandra Weiss

Sandra Weiss

Twitter @SandraAWeiss

Die gebürtige Deutsche lebt und arbeitet seit 1999 als Journalistin in Lateinamerika. Sie berichtet von dort aus für diverse deutschsprachige Medien.

SRF News: Wie präsentiert sich die Situation in Venezuela derzeit?

Sandra Weiss: Sie ist sehr angespannt. Die Zusammenstösse haben sich am Mittwoch im ganzen Land über Stunden hingezogen. Über ganz Caracas liegt eine Tränengaswolke. In der Nacht fanden ausserdem sogenannte Kochtopfdeckel-Konzerte statt. Das ist eine in Südamerika übliche Art, seinen Protest gegenüber der Regierung zu äussern.

Die Proteste verliefen aber nicht nur friedlich, es gab auch Tote. Wer übt die Gewalt aus?

Sowohl Sicherheitskräfte wie Demonstranten gehen teilweise gewalttätig vor. Allerdings sind die Proportionen sehr asymmetrisch: Die Sicherheitskräfte sind hochgerüstet und gehen mit Tränengas, Gummigeschossen, Panzerfahrzeugen und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor. Neben der ordentlichen Guardia National Bolivariana gibt es auch von der Regierung bewaffnete Milizen und die sogenannten Collectivos, bewaffnete Motorradgangs. Beide Gruppen sollen wohl vor allem die Panik schüren. Wahrscheinlich gehen die zwei Todesopfer auf Seiten der Demonstranten auf ihre Rechnung, sie wurden beide erschossen.

Maduro in rotem Hemd, schaut in ein Fernglas. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Präsident Maduro denkt nicht daran, abzutreten. Reuters

Bislang zeigt sich Präsident Maduro hart gegenüber den Demonstranten. Läuft nun alles auf eine Eskalation hinaus?

Im Moment sieht es tatsächlich danach aus. Doch Maduro fährt einen doppelzüngigen Diskurs: Einerseits bot Maduro der Opposition erneut einen Dialog an. Diese lehnte Gespräche aber mit dem Argument ab, dies seien leere Versprechen Maduros. Sie verwies auf die Gespräche vom Dezember, die daran scheiterten, dass die Regierung keines ihrer gemachten Versprechen hielt. Die Opposition stellt sich auf den Standpunkt, dass Maduro auch ohne Gespräch jederzeit Neuwahlen anordnen könnte, denn das sei, was man verlange. Andererseits gibt es Hardliner in der Regierung, welche ihre Anhänger zur Verteidigung der Revolution auffordern – notfalls auch mit Gewalt. Sie drohen der Opposition, sie alle ins Gefängnis zu stecken. Angesichts all dessen glaubt die Opposition der Regierung nicht mehr.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Maduros totales Versagen

Seit 1999 wird Venezuela von den Sozialisten regiert, bis 2013 von Hugo Chavez, seither von seinem Nachfolger Maduro. Trotz der immensen Erdölvorkommen ist das Land in seine bisher schlimmste Versorgungskrise geraten. Die Inflation beträgt derzeit mehr als 700 Prozent und ist eine der höchsten Inflationsraten der Welt.
Die Opposition fordert Neuwahlen und macht Präsident Maduro – der am Mittwoch seit genau vier Jahren im Amt war – für die schwere politische und ökonomische Krise des Landes verantwortlich. Auslöser der seit Anfang April andauernden Proteste war die zeitweise Entmachtung des Parlaments durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs.
Wegen der Krise und der zunehmenden Gewalt hatten zuletzt tausende Menschen das Land verlassen und flüchteten vor allem in das Nachbarland Brasilien. Sorgen bereitet die Krise in Venezuela auch der US-Regierung: Aussenminister Rex Tillerson warnte vor einer Eskalation der Lage. Man beobachte das Geschehen in Venezuela sehr genau, so Tillerson.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Venezuela versinkt im Chaos

    Aus 10vor10 vom 19.4.2017

    Seit Wochen halten die Proteste gegen die links-sozialistische Regierung von Nicolás Maduro an. Er steuere Venezuela in die Diktatur, sagen seine Gegner, und heute haben sie es an Demonstrationen lauter gesagt, als je zuvor.

  • Venezolaner in Geldnöten

    Aus Tagesschau vom 17.12.2016

    In Venezuela wird das Bargeld knapp: Denn während die Regierung den 100-Bolívar-Schein für ungültig erklärt hat, verzögert sich die geplante Ausgabe einer neuen 500- Bolívar-Banknote. Teile der verzweifelten und wütenden Bevölkerung haben bereits mit Plünderungen und gewaltsamen Protesten ihrem Unmut Luft gemacht.