«Making of» von Kriegspropaganda in Syrien

In Syrien laufen immer mehr Armeeangehörige zu den Rebellen über. Diese Deserteure spielen im Propagandakrieg eine wichtige Rolle. Der Journalist Kurt Pelda hat in Syrien gefilmt, wie Aufständische einen Überläufer vor der Kamera in Szene setzen.

Video ««Making-of» eines Propagandavideos der syrischen Rebellen (Kurt Pelda)» abspielen

Produktion eines Deserteur-Videos in Syrien (Kurt Pelda, unkomm.)

1:06 min, vom 4.1.2013

Im Bürgerkrieg in Syrien wenden sich auch Militärangehörige von Präsident Bashar al-Assad ab. Darunter sind einfache Soldaten, aber auch hochrangige Offiziere.

Für die Aufständischen sind diese Überläufer sehr wichtig. Sie sollen potenziellen Nachahmern die Angst vor dem Desertieren nehmen und die Moral der Armee schwächen. Mit Videos im Internet wird dieser Propagandakrieg angeheizt.

Der Journalist Kurt Pelda war bei der Entstehung eines solchen Videos dabei. In einer Schule in der Kleinstadt Halfaya in Zentralsyrien richteten sich die Rebellen  der Freien Syrischen Armee zu Filmzwecken dort ein.

Entspannte Stimmung

In Peldas Aufnahme steht ein Geheimdienstler Assads im Mittelpunkt. Umringt von Dutzenden Männern und unter Regie des örtlichen Kommandanten soll Radwan al-Khalaf eine Erklärung abgeben, weshalb er übergelaufen war. Diese wird aufgenommen und anschliessend auf Youtube gestellt. Um die Glaubwürdigkeit des Clips zu erhöhen, halten die Männer al-Khalafs Ausweis vor die Kamera.

Der Kommandant diktiert dem Deserteur jedes einzelne Wort. Bis die zehnzeilige Erklärung im Kasten ist, vergehen fast zwei Stunden. Dem Kommandanten raubt es den letzten Nerv, die anderen Männer brechen in Gelächter aus.

«Es hat mich gewundert, dass sie mich filmen liessen», sagte Kurt Pelda «SRF Online» am Telefon. Doch obwohl die Situation eine gewisse Komik hat, ist sie todernst. «Alleine mit einer Ankündigung zu desertieren, riskieren die Leute ihr Leben», so Pelda.

Angehörige von Deserteuren in Gefahr

Aus diesem Grund nähmen viele die ganze Familie mit. «Es ist oft geschehen, dass Angehörige der Deserteure umgebracht worden waren.» Erst vergangenen Freitag wurde bekannt, dass in der Türkei weitere Offiziere der syrischen Armee mit ihren Familien Zuflucht gefunden haben. Unter den 68 Menschen sind 2 Generäle und 13 Oberste.

Die Videos sollen Beweise dafür sein, dass die Rebellen Deserteure am Leben lassen. «Sie sollen die Angst der Soldaten aufbrechen und zeigen, dass es andere auch machen und es ihnen dabei gut geht», erklärt der Journalist.

Mit solcher Kriegspropaganda hoffen die Gegner Assads in erster Linie, die Reihen der Armee zu lichten und ihre eigenen Reihen zu stärken – quasi gewaltfrei. «Der Krieg wird durch die Deserteure mitgenährt. Bis schliesslich die Waagschale zu Ungunsten Assads voll ist, wenn genügend überlaufen.»

Die gute Behandlung hat aber ein Ende, wenn sich Assads Kämpfer erst kurz vor verlorenem Kampf ergeben. «Dann töten die Rebellen sie», weiss Pelda.

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Unter Druck: Assad nennt Aufständische «Killer und Kriminelle»

1:15 min, aus Tagesschau am Mittag vom 6.1.2013