Malaysia entfernt sich von der Demokratie

Der malaysische Premierminister Najib Razak ist in einen gigantischen Korruptionsskandal verwickelt. Um sich trotzdem an der Macht zu halten, geht er rigoros gegen Kritiker vor. Die Opfer sind Journalisten, Staatsanwälte und Minister.

Najib Razak schaut kritisch in die Kamera. Die Sonne strahlt ihm ins Gesicht, er trägt eine Brille und weisse Haare. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wie kommen 700 Millionen Dollar auf Razaks Privatkonto? Auch die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt. Reuters

Clare Rewcastle Brown und ihre Kolleginnen und Kollegen von Radio Free Sarawak stehen im Visier des Staates. Ihr Vergehen: Sie berichteten über den grössten Korruptionsskandal in der malaysischen Geschichte. Gegen 700 Millionen Dollar verschwanden beim Staatsfonds und landeten auf wundersame Weise auf dem Privatkonto von Premierminister Najib Razak in Singapur.

Das Engagement hat Folgen. Clare Rewcastle Brown ist aus Malaysia geflüchtet. Zunächst nach London, zurzeit ist sie irgendwo in Schottland. Wo genau, sagt sie nicht. Denn die Besitzerin des regierungskritischen Radiosenders wird von der Regierung von Malaysia verfolgt. «Mein Computer wird gehackt. Sogar in Grossbritannien sitzen mir Spione auf oder von den Machthabern bezahlte Privatdetektive. Sie verfolgen mich, fotografieren und filmen mich, wenn ich mich mit jemandem treffe», erzählt sie SRF.

«  Sie verfolgen mich, fotografieren und filmen mich, wenn ich mich mit jemandem treffe. »

Clare Rewcastle Brown
Journalistin und Regierungskritikerin

Zusatzinhalt überspringen

«Rendez-vous»

Logo der Sendung «Rendez-vous»

Mehr dazu im «Rendez-vous» um 12:30 Uhr auf Radio SRF 1 und SRF 4 News.

Doch die Journalistin hält an ihrer Kritik fest. Der Premierminister mache alles, um sein Vergehen zu vertuschen und sich an der Macht zu halten. Seinen Stellvertreter, mehrere Minister und den Generalstaatsanwalt entliess Najib Razak bereits. Politische und polizeiliche Ermittlungen hat er gestoppt.

Razak denkt nicht ans Abtreten

In einem normalen demokratischen Land hätte Najib Razak längst abtreten müssen, meint Rewcastle Brown. Doch Malaysia ist keine normale Demokratie. Denn Razaks Partei, die Umno, regiert seit 1957 und besitzt heute praktisch das Machtmonopol. «Der Staat kontrolliert alle grossen Fernseh- und Radiosender sowie die wichtigen Zeitungen», klagt Brown.

Sie und ihr Team berichten nun online über die Machenschaften des Premiers. Der Sarawak-Report und Radio Free Sarawak, das vor zwei Jahren den Pressefreiheitspreis des International Press Institute bekam, sind aufmüpfig und erreichen ihr Publikum trotz massiver Schikanen, zum Beispiel Störsendern. Woher gesendet wird, wo sich die Redaktion befindet, sagt die Chefin nicht. Sie macht sich Sorgen um ihr Team. «Im Moment lautet das Prinzip: Kopf runter! Aber weiter senden», erzählt Clare Rewcastle Brown.

«  Im Moment lautet das Prinzip: Kopf runter! Aber weiter senden. »

Clare Rewcastle Brown
Journalistin und Regierungskritikerin

Der Staat geht unzimperlich vor: Rewcastle Brown wird vorgeworfen, die malaysische Demokratie zu zerstören und gegen Antiterrorgesetze zu verstossen, indem sie kritisch über das korrupte Treiben des Regierungschefs berichtet. Dessen Behörden wollen sie gar via Interpol-Fahndung in Grossbritannien festnehmen lassen. In Malaysia drohen ihr bis zu zwanzig Jahre Haft.

Brown spricht von entscheidenden Monaten: Entweder gelinge es den Malaysiern jetzt, den Potentaten Najib Razak loszuwerden und einen echten demokratischen Machtwechsel zu erzwingen. Oder das Land werde zu einer weiteren Diktatur in Südostasien.