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Verfassungsrefom in der Türkei «Man hätte die Diskussion nüchterner führen müssen»

Legende: Audio «Kritik an Medien zu Türkei-Referendum» abspielen. Laufzeit 7:08 Minuten.
7:08 min, aus SRF 4 News aktuell vom 21.03.2017.

Das türkische Verfassungs-Referendum beschäftigt die Medien, besonders in Deutschland. Die oft pauschal negative Berichterstattung löst bei vielen Türken eine Trotzreaktion aus – das behauptet der deutsch-türkische Journalist und Autor Eren Güvercin.

SRF News: Was stört sie derzeit an der medialen Debatte in Deutschland?

Eren Güvercin: Fragwürdig ist die Art und Weise. Das vermittelt bei vielen türkisch-stämmigen Menschen hier in Europa das Gefühl, dass man von oben herab alles besser weiss, als die Menschen, um die es eigentlich geht.

Die Türkei entscheidet über ihre eigene politische Zukunft. Diese Entscheidung muss man schon den Menschen dort überlassen. Natürlich macht man sich Sorgen über die Entwicklung in der Türkei. Es ist aber wichtig, wie man das kommuniziert. Bei den türkisch-stämmigen Menschen dieses Von-oben-herab-Gefühl zu erzeugen, wäre fatal.

Was wird das beim Stimmvolk für Folgen haben?

Ich beobachte bei vielen, die gegenüber der Verfassungsreform anfangs eher etwas kritisch eingestellt waren, dass sie die Berichterstattung in den Ländern, in denen sie leben, als unfair wahrnehmen. Und obwohl sie sogar eher zu einem Nein tendiert haben, schwenken viele wieder zur Ja-Position zurück – quasi als Trotzreaktion auf die Medienberichterstattung.

Da verfallen sehr viele türkisch-stämmige Menschen in die Position, dass «wenn die sich so darüber aufregen, dann stimme ich doch mit Ja». Man sieht, dass nicht wirklich eine inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet, sondern Trotzreaktionen auf die Debatten der letzten Wochen den Ausschlag geben werden.

Was wäre ihr Rezept für einen besseren Dialog zwischen dem Westen und der Türkei?

Man hätte diese Diskussion etwas anders führen müssen. Man hatte in deutschen Talkshows oft eine sehr starke Nein-Fraktion von deutschen Politikern, Journalisten und Politikwissenschaftlern. Auf der anderen Seite hatten wir ein oder zwei Vertreter einer Lobby-Organisation der Regierungspartei AKP oder einen AKP-Abgeordneten.

Aber es gab wenige bis gar keine Teilnehmer, die eine vermittelnde Position einnahmen. Sehr viele Türken, die relativ skeptisch gegenüber diesem Reformpaket sind, finden die Art und Weise auch nicht gut, wie der Westen und die Politiker in Deutschland mit dem Thema umgehen. Da hätte man nüchterner und rationaler Diskussionen führen können.

So haben die Emotionen gewonnen und die Fernsehzuschauer sehen die beiden extremen Fraktionen, aber wenig dazwischen. Ich glaube, man muss von diesem Schwarzweiss-Bild etwas Abstand nehmen und die Nuancen besser kommunizieren.

Das Gespräch führte Teresa Delgado.

Eren Güvercin

Eren Güvercin
Legende: zvg

Der 1980 geborene Sohn türkischer Eltern lebt in Köln und ist freier Journalist für verschiedene Radiostationen und Zeitungen. Er ist Mitinitiator der «Alternativen Islamkonferenz». 2012 erschien sein das Buch «Neo-Moslems: Porträt einer deutschen Generation».

50 Kommentare

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  • Kommentar von E. Waeden (E. W.)
    Das vielgepriesene Multikulti ist nur ideologischer Natur. Wenn Multikulti nebeneinander, alle für sich leben & ihre Kulturen pflegen, ist es eben kein Multikulti, sondern sind es Vielvölkerstaaten. Interessenkonflikte sind da vorprogrammiert. Bestes Beispiel dafür sind die vielen Konflikte/Kriege, welche es z. Z. überall gibt.
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    1. Antwort von James Klausner (Harder11)
      Ihre These wäre mit mindestens 100 Beispielen aus Gegenwart und Geschichte zu widerlegen. Wenn multikulturelle oder multiethnische Staaten scheitern, so tun sie dies meistens an Ansprüchen einer Gruppe auf Macht und Führung oder an Struktur- und Führungsschwäche oder ökonomischen Problemen, mithin die gleichen Gebrechen die genauso auch Einheitsstaaten ereilen kann. Ein Beispiel das meiner Information nach sehr gut funktioniert ist ... die Schweiz. Nennen Sie Beispiele für Ihre These.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Der Wahlkampfbesuch 2014, als 10'000 Türken im roten Flaggenmeer ihrem Erdogan zujubelten, das wollte DE verständlicherweise nicht nochmals. Schwierig, sich dann noch nüchtern zu verhalten nach solchen Nazianwürfen. Zudem von diversen Forschungsanstalten zu erfahren, dass mehr als jeder 2.Türke die Gesetze seiner Ideologie höher bewertet als die Gesetze des Landes, in dem er lebt, da sieht man im wahrsten Sinne des Wortes rot. Solltet Ihr Türkischstämmigen nicht eher Euer Verhalten hinterfragen?
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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Man hätte die Diskussionen nüchtener führen müssen. Aber Herr Erdogan darf sich wie die Axt im Walde auf fremden Territorium bewegen.Beleidigungen und Beschimpfungen waren zur Tagesordnung geworden. Will er jetzt den Medien noch Vorschreiben, wie sie die Berichterstattung auszuführen haben? Was er in seinem Land macht, ok geht uns nichts an. Aber jetzt spielt er aus irgend einem Grund den Beleidigten, wer das glaubt.! Eine neue Taktik von ihm, die noch nicht ganz durchschaubar ist.
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