Flüchtlingskinder im Irak «Manche bettnässen, andere sagen kein Wort mehr»

Der Notfall-Pädagoge Alfred Rahmen versucht, das Leid von Flüchtlingskindern zu lindern. Mit anthroposophischem Gedankengut. Für die Kinder heisst das: spielen, tanzen, singen und – noch mehr spielen.

SRF News: Wie leben die Kinder in diesen Flüchtlingslagern?

Alfred Rahmen: Die Kinder leben mit ihren Familien. Die sind zum Teil sehr gross. Acht bis zwölf Kinder sind keine Seltenheit. Wir arbeiten in drei verschiedenen Lagern. Zwei dieser Lager haben 10‘000 und eines hat 26‘000 Flüchtlinge.

Und leben sie dort in Zelten oder Lehmhütten?

Das UNHCR hat Vieles zu Verfügung gestellt. Momentan leben sie noch in Zelten, aber es gibt auch immer mehr feste Bauten – vor allem Toiletten und Duschräume.

Diese Kinder waren alle auf der Flucht und haben Schlimmes erlebt. Wie ist deren psychischer Zustand?

«  Vielen Kindern merkt man äusserlich nicht an, dass sie traumatisiert sind.  »

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Kinder, denen merkt man äusserlich nicht an, dass sie Probleme haben. Aber wenn man sie dann etwas besser kennt, merkt man, dass viele Probleme da sind. Das kann Bettnässen sein oder manche Kinder sprechen kein Wort mehr. Andere können sich nicht konzentrieren.

Sie arbeiten im Auftrag der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners – Waldorfpädagogik wie an den Steiner Schulen in der Schweiz. Was ist das Besondere an ihrer Notfallpädagogik?

Ihre Inhalte basieren hauptsächlich auf künstlerischen Bereichen, die die Kinder erleben können. Sie malen, basteln und spielen sehr viel. Wir geben klare Strukturen vor. Mit dem Ziel, dass die Kinder innerlich wieder zu einer Ruhe finden, Seele und Geist wieder im Leibe beheimatet sind und heilen können. Dafür sind die künstlerischen Fächer ganz entscheidend. Und natürlich auch die Beziehung zwischen dem Erzieher und dem Kind, was eine Schlüsselaufgabe ist.

«  Und dann stellt man fest, dass die Kinder überall auf der Welt gleich sind. »

Sie kommen als Westeuropäer in eine andere Kultur. Die Waldorfpädagogik hat ihren Ursprung in Deutschland. Kann die Pädagogik trotzdem wirken?

Die Waldorfpädagogik basiert darauf, dass wir aus dem Kind herauszulesen versuchen, was es braucht. Dazu braucht es eine vertiefte Menschenkenntnis. Dann stellt man fest, dass die Kinder überall auf der Welt gleich sind. Zwar haben sie einige kulturelle Differenzen, aber die seelische Entwicklung ist weltweit gleich. Deshalb sprechen Kinder auf diese Dinge auch überall an – auf Künstlerisches, Musisches, Tänzerisches, Spielerisches.

Das Gespräch führte Walter Müller.