«Manche Medien behandeln die Ereignisse wie einen Sportanlass»

Nicht zerstörte Häuser und brennende Polizeiwagen sollten im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen, sondern die Ungleichbehandlung von Schwarzen. Das fordern die Einwohner von Ferguson. SRF-Korrespondent Arthur Honegger sammelt Eindrücke vor Ort.

Am Montagabend stand fest: Der weisse Polizist Darren Wilson wird nicht angeklagt. Er hatte im Sommer in Ferguson den unbewaffneten schwarzen Teenager Michael Brown erschossen.

In der darauf folgenden Nacht wurde die Stadt von einer beispiellosen Gewaltwelle überrollt. Am Dienstag folgten landesweit 170 Städte dem Protest. Allein in Ferguson wurden bisher über hundert Menschen festgenommen.

Am Mittwoch findet SRF-Korrespondent Arthur Honegger eine beruhigte Lage vor Ort.

SRF: Wie ist die Atmosphäre in Ferguson?

Arthur Honegger: Heute Morgen war es sehr ruhig. Ich würde sagen es war ein normaler Morgen wie in jeder anderen amerikanischen Stadt. Doch die Leute sind nachdenklich. Aber es ist nicht mehr dieser Schock, den man gestern nach den Unruhen von Montagnacht gespürt hat.

Was halten die Leute von den Ausschreitungen?

Sie sind froh, dass es vergangene Nacht nicht mehr so schlimm war wie Montagnacht. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass so etwas passiert in den USA. Doch nun waren eigene Geschäfte, eigene Restaurants betroffen. Das hat die Leute mitgenommen. Insbesondere, weil seit dem Tod von Michael Brown viele Diskussionen stattgefunden haben und die Leute auch aufeinander zugegangen sind. Da haben viele erwartet, dass die Reaktionen friedlicher ausfallen würden.

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Arthur Honegger

Porträt Arthur Honegger

Von 2008 bis 2015 berichtete er als TV-Ausland-Korrespondent aus den USA – zuerst aus New York, später aus der Hauptstadt Washington. Seit dem Herbst 2015 bildet Arthur Honegger zusammen mit Daniela Lager und Andrea Vetsch das Moderationsteam von «10vor10».

Sehen die Menschen diese Gewalt als gerechtfertigt?

Nein, überhaupt nicht. Diese Gewalt rechtfertigt niemand. Schon gar nicht die Leute, welche friedlich demonstrieren möchten. Es lenkt ab von dem, was sie eigentlich thematisieren wollten: Die ungleiche Behandlung von Schwarzen durch das Justizsystem. Doch die Medienberichterstattung fokussiert sich auf ein paar brennende Häuser. Ich habe gestern eine Gruppe junger Schwarzer getroffen, die sich mehr Polizisten auf der Strasse wünschte. Die Zurückhaltung der Polizei empfanden sie als einen Grund dafür, dass es zu den Zerstörungen kam.

Randalierer geben an, mit den Ausschreitungen werde auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam gemacht wird.

Das ist für mich nicht nachvollziehbar, denn es geht ja nicht um die Aufmerksamkeit für die Zerstörung. Das verstärkt die rassistischen Vorurteile gegenüber Schwarzen nur noch. Diese Leute, die Häuser anzünden und Autos zerstören, sind nicht diejenigen, die seit Monaten in Ferguson auf die Strasse gehen und friedlich verlangen, dass sich etwas ändert. Doch nur so bringt man Veränderungen zustande – das haben auch die Bürgerrechtsbewegungen aus den 1960er-Jahren gezeigt. Die USA sind ein demokratischer Rechtsstaat. Es gibt durchaus Möglichkeiten, Missstände anzusprechen und zu verändern.

Wäre es nicht zu den Ausschreitungen gekommen, hätten sich die Medien am nächsten Tag gefragt, ob man richtig mit diesem Fall umgegangen ist. Man hätte über die Behandlung von Schwarzen diskutiert. Diese Fragen sollten im Vordergrund stehen, nicht brennende Häuser.

Wie reagieren die Leute Ihnen gegenüber, als Journalist?

Die Medien werden zu Recht skeptisch beurteilt. Denn gewisse US-Newskanäle behandeln die Ereignisse wie einen Sportanlass. Sie berichten über jedes zerstörte Auto. Doch generell sind die Leute sehr offen. Ferguson besteht zu 70 Prozent aus Afroamerikanern, doch sie behandeln mich nicht anders, sie machen einen auch nicht für irgendetwas verantwortlich. Ihr Problem ist die systematische Ungleichbehandlung von Schwarzen durch Polizei und Justiz.

Was halten die Menschen vom Entscheid des Staatsanwaltes?

Der Entscheid wird von den allermeisten Menschen in Ferguson abgelehnt. Denn Michael Brown war unbewaffnet. Selbst wenn er sich aggressiv verhalten hätte, so wäre dies aus ihrer Sicht kein Grund gewesen, dass er dafür hätte sterben müssen. Die Leute haben sich deshalb einen Prozess gewünscht. Die grosse Enttäuschung war auch, wie der Staatsanwalt mit dem Fall umging. Normalerweise schlägt der Staatsanwalt der Grand Jury einen Entscheid vor, warum jemand angeklagt werden sollte. In diesem Fall hielt sich der Staatsanwalt zurück und empfahl der Grand Jury einfach, sich die Zeugen anzuhören. Damit hat er sich sehr unbeliebt gemacht, denn viele sahen ihn auf der Seite der Polizei.

Es gibt aber auch die andere Seite, die sagt, es kann ja nicht sein, dass ein Polizist jedes Mal automatisch eines Verbrechens beschuldigt wird, wenn jemand getötet wird. Polzisten machen Fehler, doch eine Anklage in einem Gericht bedeutet, dass jemand eines Verbrechens bezichtigt wird. So tragisch es ist, und so falsch es sein mag, ein Verbrechen ist aus ihrer Sicht etwas anderes.

Was hat man in Ferguson bisher aus dem Fall gelernt?

Allem voran eines: Ein praktisch rein weisses Polizeikorps wird einer Stadt, die mehrheitlich schwarze Einwohner hat, nicht gerecht. Die Polizei muss so aussehen wie die Leute, die in der Stadt wohnen. Sie müssen dieselbe Sprache sprechen. In Los Angeles oder New York achtet man auf darauf – das bringt schon sehr viel.

Das Gespräch führte Viviane Bühr.