«Mein Kampf» braucht Einordnung

Ab Januar laufen die Urheberrechte von Hitlers Buch «Mein Kampf» aus. Das heisst, jeder kann das Buch nachdrucken, das gefährlichste Buch der Welt vielleicht. Deshalb hat das Münchner Institut für Zeitgeschichte eine kommentierte Ausgabe vorbereitet, die Mitte Januar erscheinen wird.


Hitler's Buch «Mein Kampf» mit rotem Umschlag Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hitlers Buch «Mein Kampf»: Das vielleicht gefährlichste Buch der Welt Keystone

«Die Ausgabe ist im Grunde genommen eine Gegendarstellung zu diesem Buch», sagt Christian Hartmann über die kommentierte Ausgabe zu Hitlers Buch «Mein Kampf». Unter seiner Leitung hat das Institut für Zeitgeschichte die neue Ausgabe des Buches vorbereitet.

Eine kommentierte Version ist umso wichtiger, als «Mein Kampf» bereits jetzt unkommentiert im Internet kursiert, in Antiquariaten erhältlich ist, in englischer Übersetzung existiert und auch im arabischen Raum ziemlich populär ist.

Nach Abschluss der kritischen Edition sei ihm nochmals klargeworden, wie viel von Hitlers verbrecherischen Politik schon in seinem Buch angelegt war, sagt Hartmann. «Ich war doch sehr schockiert, weil mir klar wurde, wie sehr dieser Mann schon Mitte der 1920er Jahre auf Krieg und Vernichtung eingestellt war.» Aber das alles sei nicht einfach eine Erfindung gewesen, sagt Hartmann: «Natürlich ist Hitler das Produkt seiner Epoche, er hat die Ideen seiner Zeit aufgegriffen.»

«  Lesen kann man 'Mein Kampf' schon, aber es ist nicht leicht zu lesen. »

Christian Hartmann
Historiker

«Hitler ist natürlich ein Sammler und wirklich eigene Ideen finden sie in diesem Buch sehr wenig», sagt der Historiker. Wenn man diese Szenerie kenne, dann erkenne man z.B. antisemitische Erklärungen wieder. Neu und charakteristisch sei bei Hitler aber die Montage der verschiedenen Teile. «Es läuft im Grunde genommen auf vier Ideen hinaus: Rasse, Raum, Diktatur und Gewalt.» Diese vier Grundideen in der Kombination, das sei dann typisch Hitler, sagt der Historiker.

Das Buch sei heute nicht mehr gefährlich, heisst es immer wieder, weil es unlesbar sei. Dazu erklärt Christian Hartmann: «Lesen kann man es schon, aber es ist nicht leicht zu lesen.» Was man nicht vergessen dürfe, das Buch sei vor 90 Jahren geschrieben worden. «Das sind Themen, die man inzwischen erklären muss, die man gar nicht mehr so versteht.» Und es sei natürlich auch ein Stil, der nicht mehr zeitgemäss sei, sagt der Historiker.

«  Ich kann nur sagen: Komödiantische Rache an Hitler ist scheisse. »

Christian Hartmann
Historiker

Inzwischen gebe es auch Untersuchungen über die Rezeption in der rechten Szene. Dazu müsse man sagen: «Das Buch ist zwar teilweise im Besitz dieser Leute aber es wird nicht wirklich gelesen. Es geht nur darum, dieses Symbol zu haben und zu zeigen», sagt Hartmann.

Mein Kampf wird vielleicht wenig gelesen. Aber Hitler bleibt ein böses Faszinosum, das vielleicht in jüngster Zeit besiegt und gebannt wurde, in dem man über Hitler lacht. Es gibt zahlreiche auch gute Persiflagen, Komödien, wie «La vita e bella» oder «inglorious bastards», die Hitler besiegen. Durch Lachen, lächerlich machen, komödiantische Rache und Liebe zum Leben. Doch Hartmann reagiert auf dieses Thema gereizt. «Ja, aber ich kann nur sagen es ist scheisse», sagt er.

Und er kann seine Haltung auch begründen: Er habe sich sehr lange mit Kriegsverbrechen beschäftigt und intensiv in die Massengräber des 20. Jahrhunderts hineingeblickt. «Diese Slapsticks hat es ja damals auch gegeben. Und zwar während der Erschiessungen. Auch die Täter haben ihre lustigen Spielchen gemacht.» Beim Holocaust z.b. habe es Polizeibatallione gegeben, die an Massenverbrechen beteiligt waren.

«In einem Fall war so, dass diese Mädchen von ihren Hunden haben vergewaltigen lassen. Und die fanden das natürlich komisch, aber ich find sowas nicht komisch.» Ein Beispiel das verstört, erschreckt. Aber keine Erfindung. Und ein warnendes Beispiel dafür, warum Geschichte und eine kritische Ausgabe von «Mein Kampf» wichtig sind.