«Nach dem Beben wird das politische Hickhack eingestellt»

Noch heute will sich die italienische Regierung zu einer Sondersitzung treffen. Bei seinem Besuch im Erdbebengebiet sagte Premier Renzi, es sei eine Frage der Glaubwürdigkeit und der Ehre, die zerstörten Gemeinden wieder aufzubauen. Er müsse mit Kritik rechnen, sagt SRF-Korrespondent Franco Battel.

Premier Matteo Renzi umarmt einen Helfer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Anteilnahme: Premier Renzi bei seinem Besuch im Erdbebengebiet. Kritik folgt später. Keystone

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Franco Battel

Porträt Franco Battel

Franco Battel ist seit Anfang 2015 SRF-Korrespondent in Rom. Davor war er als Auslandredaktor für Italien, Mexiko, Zentralamerika, Kuba und Liechtenstein verantwortlich. Er berichtete zudem vom UNO-Sitz in Genf.

SRF News: Wie reagiert Italien auf das Schicksal der Menschen in Amatrice?

Franco Battel: Das Land reagiert zuerst einmal mit grosser Anteilnahme, aber auch mit schneller und unkomplizierter Hilfe. In Italien bebt die Erde relativ häufig, insbesondere in Mittelitalien. Es gibt deshalb ein gut eingespieltes Rettungsteam, das über viel Wissen und Erfahrung verfügt. Wenige Stunden nach dem Beben standen bereits die ersten Zelte für die Obdachlosen. Mit Blick auf die unmittelbare Hilfe nach einem solchen Beben reagieren die italienischen Behörden und auch die Bevölkerung meist sehr schnell und effektiv.

Premier Matteo Renzi hat das Katastrophengebiet sofort besucht und Wiederaufbau versprochen. Wird das Beben politisch vereinnahmt?

Nein, noch nicht. Wenn so etwas Schlimmes passiert, dann wird in Italien zumindest für eine kurze Zeit das politische Hickhack eingestellt – meist aber nicht für sehr lange. Bald schon werden die Parteien die Regierung kritisieren, vermutlich vor allem die Fünf-Sterne-Bewegung und die Lega Nord. Dabei geht es vor allem um die Bauweise. Zum Beispiel um die Fragen, ob Altbauten in dieser für Erdbeben bekannten Zone genug gesichert und ob die Neubauten erdbebensicher errichtet wurden.

Der nationale Verband der italienischen Geologen beklagt, es gebe keine Kultur der Prävention. Die Qualität der Bausubstanz in den Erdbebengebieten sei sehr schlecht. Was haben Sie diesbezüglich beobachtet?

Ich habe gesehen, dass beispielsweise der historische Kern des mittelalterlichen Städtchens beinahe komplett eingestürzt ist. Da stehen nur noch einzelne Mauern und der schwer beschädigter Kirchturm. Modernere Gebäude haben dem Beben besser standgehalten. Der Bürgermeister sagte mir aber, dass auch diese Gebäude in Gefahr seien. Er setzte durch, dass heute niemand in die Häuser zurückkehren darf, auch nicht in solche, die noch in Takt zu sein scheinen. Die Menschen hier müssen sich also wohl auf eine längere Zeit in Zelten oder Notunterkünften einrichten.

Gibt es überhaupt noch Hoffnung auf Überlebende?

Der Chef der Feuerwehr sagte mir, dass sie vor zwölf Stunden die letzte Person lebend retten konnten. Seither sei es ihnen nicht mehr gelungen, Lebende aus den Trümmern zu bergen.

Welchen Eindruck haben Sie von den Helfern?

Ich habe hier sehr viele Helferinnen und Helfer gesehen. Allein die Feuerwehr kann hier auf etwa 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählen. Auch viele Suchhunde sind vor Ort sowie Helikopter, die bereit sind, Verletzte auszufliegen. Das Rote Kreuz betreibt ein Feldlazarett. Viele Helfer sagen, sie hätten gar nicht so viel zu tun, weil in den letzten Stunden keine Lebenden mehr geborgen wurden.

Suche nach Überlebenden

2:52 min, aus Rendez-vous vom 25.08.2016

Es gab Warnungen von Nachbeben. Wurde die Region bisher von schweren Nachbeben verschont?

Nein, man hat mir gesagt, dass am Morgen hier die Erde sehr stark gebebt habe. Auch waren die Menschen dazu aufgefordert worden, den Ort nachts möglichst zu verlassen. Es ist zu gefährlich, in einem dieser Häuser hier zu übernachten.