Zweieinhalb Wochen nach den schwersten Erdbeben in über 120 Jahren ist in Venezuela wieder eine Art Alltag eingekehrt. Dies berichtet Phil Gunson, Analyst der International Crisis Group. Er lebt seit über 25 Jahren in der Hauptstadt Caracas. «In weiten Teilen des Landes herrscht wieder Normalität», sagt er. «Aber Normalität in Venezuela bedeutet, dass die Menschen in einem komplexen humanitären Dauernotzustand leben. Und die Krise im Katastrophengebiet sprengt alle Dimensionen.»
Im Krisengebiet um die Küstenstadt La Guaira gibt es noch immer viel zu tun: Die zwei schweren Beben der Stärke 7.2 und 7.4 haben einen Grossteil der Stadt zerstört. Seither folgten über 1170 Nachbeben.
Die UNO hat 10'000 Leichensäcke gekauft.
Tausende Obdachlose brauchen Hilfe
Die meisten internationalen Rettungsteams sind inzwischen wieder abgereist. «Jetzt braucht es eine andere Art Unterstützung: Humanitäre Hilfe für die vielen tausenden Verletzten und Familien, die durch die Beben obdachlos geworden sind», betont Gunson.
Die Toten zu identifizieren sei eine grosse Herausforderung, teilt der Analyst weiter mit. «Die Körper, die nun noch geborgen werden sind kaum mehr zu erkennen. Und die Leichenhallen im Krisengebiet überfüllt.»
Laut Angaben der Pan-Amerikanischen Gesundheitsorganisation sind inzwischen mindestens 300 Todesopfer namenlos in Massengräbern bestattet worden. Insgesamt gibt es offiziell 4118 Tote zu beklagen.
Phil Gunson sagt dazu: «Wahrscheinlich werden wir nie die genaue Todeszahl haben. Die offiziellen Zahlen dürften weit unter den tatsächlichen Todeszahlen liegen. Aber um eine Idee der Grössenordnung zu geben: Die UNO hat 10'000 Leichensäcke gekauft.»
Die Anwohner mussten mit blossen Händen nach ihren Angehörigen graben.
Regierung steht in der Kritik
Da nun schweres Gerät im Einsatz sei, um das Geröll zu räumen, könnten vermisste Menschen nicht mehr geborgen werden. Genaue Angaben zu Vermissten machen die Behörden keine.
Die Kritik an der Regierung ist gross. Gunson berichtet, dass diese Fehlverhalten abstreite und alles Mögliche getan haben wolle. «Sie konnte wahrscheinlich tatsächlich einfach nur sehr wenig tun», schätzt der Analyst. Aber die Augenzeugenberichte aus dem Erdbebengebiet sprächen eine deutliche Sprache: «Die Regierung war die ersten zwei bis drei Tage nicht präsent vor Ort. Die Anwohner mussten mit blossen Händen nach ihren Angehörigen graben, und in dieser Zeit starben Menschen.»
Auch bleibt die Frage offen, weshalb überhaupt so viele Wohnblöcke – von Luxushotels bis zu Sozialwohnungen – mitten in einem Erdbebengebiet gebaut wurden, obwohl Experten seit Jahrzehnten vor schweren Beben warnten.
Wut wird nicht kanalisiert
Die Regierung von Delcy Rodríguez dürfte sich voraussichtlich trotzdem halten. Die Menschen im Krisengebiet La Guaira sind wahnsinnig wütend und erschöpft von den schwierigen letzten Wochen. Sie haben nicht die Kraft, um jetzt eine grosse Protestbewegung zu stemmen. Und es gibt auf politischer Ebene auch keine Institutionen, die die Wut der Menschen kanalisieren könnten, die Opposition wirkt recht fragmentiert.
Oppositionsführerin María Corina Machado reiste bislang nicht nach Venezuela ein, und der von weiten Teilen der internationalen Gemeinschaft als Wahlsieger anerkannte Edmundo González ist noch immer im Exil in Spanien. In einem Fall wie aktuell in Venezuela müsste eigentlich schnellstmöglich eine unabhängige Untersuchungskommission eingesetzt werden. Aber das ist nicht im Interesse der venezolanischen Regierung. Insgesamt ist es also wahrscheinlich, dass die Wut der Menschen kaum Folgen haben wird.