Auch noch acht Tage nach den Erbeben in Venezuela ist ein 43-jähriger Mann, der unter den Trümmern eines siebenstöckigen Gebäudes überlebt hatte, gerettet worden. Bekannt wurde auch die Rettung eines dreijährigen Jungen nach sechs Tagen.
Die Zeit der Rettung läuft aber ab. Noch immer werden tausende Personen vermisst. Tankred Stöbe, Notarzt bei Ärzte ohne Grenzen, erklärt, welche Faktoren beim Überleben unter Trümmern eine Rolle spielen.
SRF News: Wie lange kann ein Mensch unter Trümmern überleben?
Tankred Stöbe: Die ersten 48 Stunden sind ausschlaggebend. Danach sinkt die Überlebenschance mit jeder Stunde. Verschüttete sind oftmals unter Schutt und Asche begraben, die Sauerstoffzufuhr ist somit unterbrochen.
Die Rettungskräfte dürfen aber niemals aufgeben. Es gibt Menschen, die nach drei bis vier Tagen lebend geborgen werden. Wie lange ein Mensch unter Trümmern ausharren kann, hängt dabei von vielen Faktoren ab.
Warum überleben manche Verschüttete deutlich länger als erwartet?
Nebst Sauerstoffzufuhr und Temperatur hängt das auch vom gesundheitlichen Zustand eines Verschütteten ab. Neben chronischen Krankheiten stellt sich die Frage nach der Schwere der erlittenen Verletzungen. Hohlräume können zwar vor Quetschungen schützen, wer jedoch Verletzungen erleidet, die mit einem hohen Blutverlust einhergehen, wird verbluten.
Letztendlich geht es auch darum, ob die Verschütteten noch irgendwie Zugang zu Nahrungsmitteln und Getränken haben. Ohne Nahrung können Menschen bis zu zwei Wochen auskommen, ohne Flüssigkeit hingegen nur zwei bis drei Tage.
Was sind gesundheitliche Risiken, die für Gerettete entstehen können?
Bei den Verletzungen sind das Knochenbrüche, Weichteilquetschungen und Organschäden. Werden diese überlebt, geht es darum, ob nutritive Ressourcen vorhanden sind und wie lange sie reichen. Auch die mentale Verfassung ist wichtig: Halte ich die Todesangst aus, jeden Moment sterben zu müssen? Glaube ich an die eigene Rettung?
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Bild 1 von 2. Der gerettete 43-jährige Mann braucht nun gesundheitliche Versorgung. Bildquelle: Reuters/Maxwell Briceno.
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Bild 2 von 2. Die Chance, Überlebende zu finden, ist nach über einer Woche nach der Erdbeben-Katastrophe klein. Bildquelle: Keystone/RONALD PENA.
Welche Versorgung braucht eine geborgene Person?
Überlebende erleiden häufig ein sogenanntes Crush-Syndrom, eine lebensbedrohliche Nierenschädigung. Ursächlich ist dabei ein grossflächiger Muskelzerfall. Dabei setzen Muskelzellen Toxine in den Blutkreislauf frei, welche die Nieren schwer schädigen können. Die Betroffenen benötigen dringend eine Dialyse, ein aufwendiges Blutwäsche-Verfahren, das aber in den zerstörten Orten unter schlechter medizinischer Infrastruktur in Venezuela kaum möglich ist.
Venezuela erleidet eine Dreifachkatastrophe: Die schwersten Erschütterungen seit Generationen treffen auf instabile Gebäude und ein marodes Gesundheitssystem.
Die Konsequenz kann sein, dass die Primärüberlebenden nach einem Erdbeben an den Folgen versterben. Fehlende medizinische Versorgung, keine Dialyse-Option, keine Antibiotika, zu wenig Schmerzmedikamente. All das sind reale Risiken in Venezuela.
Wie stehen die Chancen, jetzt noch Lebende aus den Trümmern zu holen?
Das sind seltene Wunder und nur durch besonders günstige äussere Umstände erklärbar. Venezuela erleidet eine Dreifachkatastrophe: Die schwersten tektonischen Erschütterungen seit Generationen treffen auf instabile Gebäude, die so dürftig in einem Erdbebengebiet nie hätten gebaut werden dürfen.
Zudem trifft das Erdbeben ein völlig marodes Gesundheitssystem, das die Bevölkerung schon in normalen Zeiten nicht versorgen konnte und jetzt kollabiert. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass ein Ereignis dieser Grössenordnung selbst die fortschrittlichsten Gesundheitssysteme der Welt ausserordentlich belasten würde.
Das Gespräch führte Dominique Bitschnau.