Nach Seselj-Urteil: Harsche Kritik an Del Ponte

Der Freispruch für den serbischen Ultranationalisten Vojislav Seselj ist die grösste Niederlage für die Ankläger am Uno-Kriegsverbrechertribunal seit seiner Gründung 1993. Internationale Medien machen die frühere Chefanklägerin Carla Del Ponte dafür verantwortlich – sie habe schlampig ermittelt.

Carla Del Ponte fasst sich an der Nase Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Carla Del Ponte Die ehemalige Chefanklägerin muss sich an der Nase nehmen. Keystone

Überraschung und Empörung nach dem Urteil des Haager Tribunals zu Vojislav Seselj: Als «unglaublich» bezeichnete es der bosnische Ministerrats-Vorsitzende Zvizdevic, von einer «Schande» sprach der kroatische Regierungschef Oreskovic. Auch Opferverbände äusserten sich entsetzt. Und selbst die serbische Führung zeigte sich erstaunt.

Mit dem Richterspruch ging ein pannenreicher, jahrelanger Prozess zu Ende. Die Anklage hatte Seselj vorgeworfen, an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein und dafür 28 Jahre Gefängnis gefordert. Dass der serbische Hetzer nun ein freier Mann ist, sei die Folge von Carla del Pontes mangelhaften Ermittlungen, schreiben deutschsprachige Medien.

Tagesanzeiger: Die vierte grosse Schlappe

«Seseljs Freispruch ist die vierte grosse Schlappe für Del Ponte vor dem UNO-Gericht: Ihre überladene Anklage gegen den serbischen Diktator Slobodan Milosevic verhinderte ein Urteil vor dessen Tod 2006, 2012 wurde der kroatische General Ante Gotovina freigesprochen, 2008 und 2012 liessen die Richter den kosovo-albanischen Rebellenführer Ramush Haradinaj mangels Beweisen frei.»

Milosevic, Haradinaj, Gotovina: Tod oder Freispruch

NZZ: Aktivistische Chefanklärgerin

«An warnenden Stimmen, Seselj auf die Anklagebank zu setzen, mangelte es nie, doch die aktivistische Chefanklägerin Carla Del Ponte ignorierte sie – wohl auch, um ein politisches Zeichen gegen die grossserbische Hetze zu setzen. Dies mag moralisch nachvollziehbar sein – juristisch gelang es der Anklage indes nicht, eine direkte militärische Verantwortung Seseljs für Kriegsverbrechen zu beweisen.»

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Schlecht recherchiert, falsch begründet

«Eine persönliche Niederlage ist der Freispruch für die frühere Chefanklägerin des Haager Tribunals, die Schweizerin Del Ponte. Sie hatte sich noch vergangene Woche zufrieden über das Urteil gegen den bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic geäussert, der aufgrund ihrer Anklageschrift in fast allen Punkten für schuldig befunden und zu 40 Jahren Haft verurteilt worden war. Ihre Anklageschrift gegen Seselj stand jedoch von Anfang an in der Kritik: als schlecht recherchiert und zum Teil falsch begründet.»

Die Zeit: Schlampig und oberflächlich

«Die Anklage hat es jahrelang nicht geschafft, gerichtsfeste, überzeugende Beweise gegen Seselj zu präsentieren. Verantwortung für dieses Desaster trägt vor allem die Schweizerin Carla Del Ponte. Sie verstand es zwar, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Arbeit des Kriegsverbrechertribunals zu lenken, aber ihre Anklageschriften waren schlampig und oberflächlich.»

ARD: Nur mit Mühe Anklageschrift gezimmert

«Als Seselj per internationalem Haftbefehl gesucht wurde, stellte sich der Gründer der grossserbischen Radikalen Partei 2003 selbst dem UNO-Tribunal und überrumpelte damit das Gericht. Die damalige Chefanklägerin Del Ponte konnte so schnell nur mit Mühe eine Anklageschrift zimmern lassen, die der promovierte Jurist Seselj genüsslich bis polternd zerlegte.»

Deutschland-Radio: Von Seselj beleidigt

«Seselj hatte keine Gelegenheit ausgelassen, das Tribunal in Den Haag zu verunglimpfen und Chefanklägerin Carla Del Ponte zu beleidigen.»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Einschätzungen zum Šešelj-Urteil

    Aus Tagesschau vom 31.3.2016

    Einen Monat vor den serbischen Wahlen wird das nationalistische Lager durch das Šešelj-Urteil gestärkt. Die Auswirkungen auf die politische Landschaft könnten weitreichend sein.