«Neue Ebola-Fälle sind besorgniserregend»

Vor einem Jahr war die Ebola-Epidemie in Westafrika in aller Munde, Bilder von auf den Strassen liegenden Toten allgegenwärtig. Obschon die Gefahr vergessen scheint, ist sie keineswegs gebannt. Neuansteckungen gibt es jede Woche – und jeder einzelne Fall könnte die Epidemie wieder aufflammen lassen.

Hilfskräfte in Schutzanzügen sprühen einem Mann Desinfektionsmittel auf die Hände. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Liberia galt für mehrere Wochen als frei von Ebola – nun ist das tödliche Virus zurück. Keystone

In der ersten Jahreshälfte 2014 beherrschte ein Thema die Medien: Die Ebola-Epidemie in Westafrika. Um das Virus, das bislang etwa 11‘220 Todesopfer gefordert hat, war es lange ruhig – doch die neuen Fälle in Liberia lassen aufhorchen.

Ansteckung an unbekannten Orten

Während es in Sierra Leone und Guinea immer wieder neue Infektionen gab, galt Liberia seit dem 9. Mai offiziell als frei von Ebola – bis vergangene Woche, als bei einem 17-jährigen Jungen das Virus nachgewiesen wurde. Wo er sich angesteckt hat, weiss man nicht.

«  Jeder einzelne Fall hat das Potential, einen Ausbruch mit womöglich vielen Toten zu verursachen. »

Maximilian Gertler
Arzt und MSF-Mitarbeiter

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Maximilian Gertler

Maximilian Gertler

Der 40-Jährige ist Internist und Epidemiologe. Er arbeitet als Infektionsforscher in Berlin und engagiert sich derzeit bei Médecins Sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen (MSF) als stellvertretender Vorsitzender der deutschen Sektion. Für die Organisation war er als Mediziner fünf Mal in Afrika auf Einsatz.

Bei rund der Hälfte aller Fälle bestehe Unklarheit darüber, wo und wie sich die Menschen angesteckt haben, sagt Maximilian Gertler von Ärzte ohne Grenzen (MSF) gegenüber SRF. «Es gibt aktive Ebola-Übertragungen an Orten, die wir nicht kennen», so der deutsche Arzt. Klar ist jedoch: «Ebola ist nicht vorbei.» Dass immer noch neue Fälle verzeichnet würden, sei besorgniserregend.

Derzeit werden in den drei Ländern Sierra Leone, Guinea und Liberia pro Woche insgesamt zwischen 20 und 30 neue Fälle von Ebola verzeichnet. Im Vergleich zu den Spitzenzeiten im Jahr 2014 mit über 500 Fällen scheint die Zahl gering. Doch Gertler gibt zu bedenken: «Jeder einzelne Fall hat immer das Potential, einen Ausbruch mit womöglich vielen Toten zu verursachen.»

Es fehlt an effizientem Monitoring

Auch die Epidemie im vergangenen Jahr mit über 27'000 bekannten Fällen ist laut Gertler auf einen oder zwei Einzelfälle zurückzuführen. Alleine an einer Zahl lässt sich die Gefahr also nicht einschätzen, ein ähnlich grosser Ausbruch wäre jederzeit möglich. Zwar wurde in den letzten Wochen kein kontinuierlicher Wiederanstieg der Neuansteckungen beobachtet – doch eben auch keine gewünschte Abnahme in zumindest den einstelligen Bereich.

Seit mehr als einem Jahr nun kämpfen die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in Westafrika gegen das Ebola-Virus. Nach den dramatischen Zuständen vom letzten Jahr gibt es nun wesentlich mehr Isolierkapazitäten. Doch fehle es an einem wirklich effektiven Monitoring, das es schafft, alle Fälle und deren Kontaktpersonen zu registrieren, diese täglich zu überprüfen und gegebenenfalls zu isolieren, beschreibt Gertler die Situation. «Im Moment ist die Lage überschaubar, aber eben nicht kontrolliert.»

Arbeit in den Ländern muss andauern

Wie aber stecken sich die Menschen mit dem tödlichen Virus an? Eigentlich geht man von einer maximalen Inkubationszeit von 21 Tagen aus. Wer in dieser Zeit keine Symptome mehr aufweist, gilt als geheilt. Männer könnten das Virus jedoch noch mindestens drei Monate lang über die Samenflüssigkeit übertragen, beschreibt Gertler eine der Möglichkeiten. Die Welt habe einfach insgesamt wenig Erfahrung mit derart grossen Ebola-Ausbrüchen und dem Ansteckungspotential des Virus, fügt Gertler weiter an.

«  Jetzt die Massnahmen zurückzufahren, wäre leichtsinnig. »

Maximilian Gertler
Arzt und MSF-Mitarbeiter

Dramatisieren will Gertler die Situation jedoch nicht. Die Aufmerksamkeit in Westafrika für Ebola sei noch immer gross. So lange es vor Ort Behandlungskapazitäten gebe und die Fälle rasch erkannt werden, sollte man in der Lage sein, die Krankheit unter Kontrolle zu bringen. «Jetzt hingegen die Massnahmen zurückzufahren, wäre leichtsinnig. Man muss durchhalten, bis die Sache zu Ende ist», betont Gertler.

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