Nicht alle Kolumbianer sind zufrieden

Nach über 50 Jahren Krieg sollen in Kolumbien nun die Waffen schweigen. Der Friedensvertrag mit der Farc-Guerilla kommt in der kolumbianischen Bevölkerung aber nicht überall gut an. Was Gegner daran kritisieren, weiss Südamerika-Korrespondent Ulrich Achermann.

Ein Mann mit einem Transparent steht vor einem Kriegsdenkmal in Bogotà. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Nein zum Frieden mit Straflosigkeit»: Gegner des Abkommens fordern Strafen für Farc-Rebellen. Reuters

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Ulrich Achermann

Porträt von Ulrich Achermann

srf

Ulrich Achermann ist seit 2003 SRF-Korrespondent und berichtet über alle Länder Südamerikas. Er lebt in Santiago de Chile.

Es ist ein historischer Moment: Nach über 50 Jahren Krieg unterzeichnen die kolumbianische Regierung und die linken Farc-Rebellen den Friedensvertrag.

SRF News: Wie steht die kolumbianische Bevölkerung zum Abkommen mit der Farc?

Ulrich Achermann: Die Stimmung ist ziemlich durchzogen. Ein Lager findet, man könne diese historische Chance zum Frieden nicht verwerfen. Vertreter des anderen Lagers stehen dem Vertrag skeptisch bis ablehnend gegenüber, weil die Farc-Rebellen darin ihrer Ansicht nach viel zu gut wegkommen. Das sind hauptsächlich Familien, die am stärksten unter der Farc gelitten haben. Man darf nicht vergessen, dass sehr viele Leute betroffen sind von dem 50-jährigen Guerillakrieg. 260‘000 Familien haben Angehörige verloren, etwa fünf Millionen Menschen wurden in die Flucht getrieben und 35‘000 Menschen sind bis heute verschollen.

Was kritisieren die Gegner genau am Friedensabkommen?

Die umstrittensten Punkte betreffen die Bestrafung der Guerrilleros. Vor allem die einfachen Rebellen kommen völlig ungestraft davon – sie erhalten eine Amnestie. Die Farc-Führung dagegen wird eher symbolisch als tatsächlich zur Rechenschaft gezogen: Wenn die Kommandanten Kriegsverbrechen eingestehen und Entschädigungen leisten, müssen sie nicht ins Gefängnis. Für sie sind alternative Strafen vorgesehen, darunter eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit während fünf bis acht Jahren.

Wer unterstützt das Abkommen?

Die Regierung, ihre Anhänger, praktisch alle Intellektuellen und vor allem auch die politische Linke setzen sich stark dafür ein. Auch demokratische Linkspolitiker sind in Kolumbien immer wieder verfolgt worden. Man warf ihnen vor, sie sympathisierten mit der Farc. Das sind jetzt die Kreise, die ganz eindeutig Frieden mit der Farc schliessen wollen.

Friedensvertrag mit der Farc ist in Kolumbien umstritten

3:52 min, aus SRF 4 News aktuell vom 26.09.2016

Die Bevölkerung muss den Friedensvertrag am 2. Oktober noch an der Urne gutheissen. Was wäre, wenn sie ihn ablehnen würde?

Die Wortführer der Nein-Parole gehen immer davon aus, dass man sich nochmals mit der Farc zusammensetzen würde, um nachzuverhandeln. Das ist natürlich unrealistisch und auch ziemlich unverantwortlich, dieses Argument ins Spiel zu bringen. Das Friedensabkommen ist sicher nicht perfekt, aber es ist wohl das bestmögliche, das ausgehandelt werden konnte. Ich gehe davon aus, dass die kolumbianische Bevölkerung am 2. Oktober mehrheitlich doch Ja sagen wird.

Das Gespräch führte Romana Costa.

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