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International «Noch nie wurden die türkischen Medien derart gegängelt»

Eben noch gab es in der Türkei mehrere kritische Medien. Heute bekämpft die Regierung die Medienfreiheit mit Druck und Polizeigewalt. Eine junge Internet-Plattform hält erfolgreich dagegen: Medyascope.tv. SRF sprach mit deren Chef Rusen Cakir.

Polizeieinsatz gegen protestierende Mitarbeiter der Zeitung «Zaman»
Legende: Anfang März liess die türkische Regierung das Redaktionsgebäude der oppositionellen Zeitung «Zaman» stürmen. Keystone

Das hätte sich Rusen Cakir noch vor kurzem unmöglich vorstellen können: Dass er einmal in einer ehemaligen Autowerkstätte mit einfachsten Mitteln und kaum Geld Fernsehen machen würde. Er, einer der bekanntesten türkischen Journalisten, der in Wochen- und Tageszeitungen Kolumnen schrieb, der in den publikumsstarken Sendern die politische Lage analysierte.

Doch seit Monaten steigt der Druck der Regierung in Ankara auf Verlage und Redaktionen. Am Ende erhielt Rusen Cakir vom Medienkonzern Habertürk zwar noch sein Gehalt, aber zugleich ein Schreibverbot.

Unter Journalisten regiert die Angst

Die türkischen Mainstream-Medien sind inzwischen entweder ohnehin auf Kurs des autokratischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Oder sie werden von oben kontrolliert, konfisziert oder eingeschüchtert, wie Cakir festhält.

Für den 54-Jährigen mit 31 Jahren Polit-Journalismus auf dem Buckel ist unklar, wohin die Reise geht. Eine Demokratie soll die Türkei jedoch nach Erdogans Gusto nicht sein. Um sein Ziel zu erreichen, bringe der Machthaber die Kritik zum Verstummen. Nie seit dem jüngsten Militärputsch in den 1980er Jahren seien die Medien derart gegängelt worden.

Internet als Lösung in der Not

Die einzige Chance bestehe darin, wenigstens in Nischen kritischen Journalismus zu betreiben. Weshalb Rusen Cakir vergangenen Herbst die Medienplattform Medyascope.tv erschuf.

Dort werde noch kontrovers diskutiert. Wer etwas zu sagen habe, könne das heute auch ausschliesslich online machen. Dafür braucht es im Grunde bloss ein einfach zu handhabendes Computerprogramm, um Gespräche aufzuzeichnen, und eine Internetverbindung, um sie zu senden.

Man müsse halt Neues ausprobieren, um sich als Journalist zu wehren und zu überleben, so Cakir.

Porträt von Rusen Cakir.
Legende: Der türkische Journalist Rusen Cakir gibt nicht auf und setzt auf Neues, um weiter unabhängig schreiben zu können. SRF

Spenden aus In- und Ausland

Mehrere Dutzend bekannte Journalisten ziehen mit. Gehalt können sie sich vorläufig keines bezahlen. Finanziert wird Medyascope.tv durch viele Kleinspenden. Geld kommt inzwischen auch von Unternehmern, die eine freiheitliche Türkei anstreben, aber angesichts der Regierungsmacht anonym bleiben wollen.

Und es zahlen ein paar ausländische Stiftungen, etwa die Open Society des Milliardärs George Soros. Mittelfristig wolle und müsse man aber profitabel werden, betont Cakir.

Bekanntheitsgrad steigt rasch

Auf der eigenen Plattform, aber auch via Youtube erreicht Medyascope schon 600'000 Leute. Zwei Drittel davon sind regelmässige Nutzer – vor allem jüngere, gebildete aus Istanbuls und Ankaras Mittelklasse. Dass seine Plattform nun den internationalen Free-Media-Pioneer-Preis erhält, dürfte die Bekanntheit rasch weiter steigern.

Seine Landsleute, davon ist Rusen Cakir überzeugt, nähmen es auf Dauer nicht einfach hin, dass Präsident Erdogan dem Land ein autoritäres System überstülpe. Mittelfristig setze sich die Demokratie durch. Obschon es zurzeit schlecht um sie bestellt sei.

Wegweisender Prozess steht bevor

Eine wichtige Weichenstellung, eine Art Showdown zwischen Regime und Rechtsstaat, findet bereits kommende Woche statt. Mit dem neuerlichen Prozess gegen Can Dündar, den Chefredaktor der liberalen Zeitung «Cumhuriyet». Einem Freund von Rusen Cakir seit dreissig Jahren

Der Präsident habe seine Machtbefugnisse überschritten und Dündar sowie den Politikchef der Zeitung verhaften lassen. Das Verfassungsgericht hob die Haft auf. Doch Erdogan lässt nicht locker und erzwingt jetzt einen neuerlichen Prozess. Der Ausgang ist offen, aber für die Zukunft der Türkei enorm wichtig.

6 Kommentare

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  • Kommentar von Bernhard Bizer (Avidya)
    Ich finde es absolut Notwendigkeit solche Projekte wie Medyascope.tv finanziell zu unterstützen. Wovor ich aber warne, die Unterstützer bzw. Geldgeber öffentlich zu machen. Das münzt Erdogan sofort um, indem er den Westen für Umsturzversuche verantwortlich macht. Wir wissen, dass dieser Machtbesessene Mensch zu allem fähig ist und eine Demokratie nach westlichem Verständnis verhindern will. Er möchte viel lieber als postosmanischer "Erneuerer" und Herrscher in die Geschichtsbücher eingehen.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Das kann sich nur Erdogan leisten. Jedes andere Land würde durch USA und EU sanktioniert, wenn es Demokratie, Menschenrechte und Pressefreiheit derart öffentlich mit Füssen tritt. Die Arabischen und Afrikanischen Führer wissen ganz genau, dass es nicht entscheidend ist, ob Menschenrechte eingehalten werden, sondern ob den USA/ EU/ Nato Zugang zu Ressourcen, und/ oder Militärstützpunkten gewährt wird und ob der Handel in Petrodollars stattfindet.
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    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Mitulla: Langsam begreifen auch die Nachzügler in den letzten Reihen, wie liberale, fortschrittliche Politik à la .... tatsächlich läuft. Demokratie, Menschenrechte, Pressefreiheit sind nur dann als vorgeschobene Gründe von Interesse, wenn's darum ein partikuläres Interesse auf hegemoniale Art und Weise geltend zu machen. - Wir sind ja ach so die typischen Guten, da kann uns ja gar kein einziges Wässerchen trüben. - Ein Schelm der Böses dabei denkt.
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    2. Antwort von Christian Szabo (C. Szabo)
      Wenn Europäer das nächste Mal in China oder vergleichbaren Ländern aufschlagen, wird nicht einmal die Presse das Thema Rechte in den Mund nehmen. Sonst könnte ein lautes Lachen das Ergebnis sein. Wie Sie formuliert haben, geht es nur um den störungsfreien Handel, möglichst in $. Sämtliche Herrscher oder Völker, die keine mächtige Rückendeckung haben und sich diesem System wiedersetzen, werden über kurz oder lang zu bedauernswerten Opfern.
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    3. Antwort von Heinz Binggeli (Demokrat)
      Nicht nur Erdogan, auch Putin!
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    4. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      @Haller. Ich bin mit Herrn Mitulla und Ihnen einig bis auf das Wörtchen "wir". Wir, die Bevölkerung will das alles gar nicht, es sind wenige Strippenzieher die das festlegen. Horst Seehofer hat das mal in der "Anstalt" offen zugegeben: Nicht die Politiker entscheiden, sondern die, die nicht Politiker sind. Oxfam hat kürzlich publiziert, dass 62 Familien die halbe Welt gehört. Nach deren Pfeiffe wird getanzt.
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