«Norman Atlantic»: Mindestens zehn Tote, rund 30 Vermisste

Nach 36 Stunden auf der havarierten Mittelmeer-Fähre konnten alle überlebenden Passagiere gerettet werden. Die Zahl der Todesopfer beläuft sich derzeit auf zehn. Doch diese Zahl könnte sich noch erhöhen. Es werden immer noch mehr als 30 Personen vermisst.

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Adria-Rettung unter äusserst schwierigen Bedingungen

1:27 min, aus Tagesschau vom 29.12.2014

Nach 36 Stunden hatte das Hoffen und Bangen ein Ende: Die überlebenden Passagiere der havarierten Adria-Fähre «Norman Atlantic» konnten alle evakuiert werden. Zehn Menschen wurden tot geborgen. Allerdings werden noch immer mehr als 30 Personen vermisst.

An Bord waren laut Passagierlisten 478 Menschen. Die tatsächliche Anzahl der Passagiere könne von der Liste abweichen, sagte der italienische Transportminister Maurizio Lupi. Klar scheint nur, dass 427 gerettet wurden. «Fakt ist, dass die Zahl der aus Italien gemeldeten Geretteten und die Liste aus Griechenland überhaupt nicht übereinstimmt», erklärt SRF-Korrespondent Philipp Zahn. Deswegen könnten teilweise die geretteten Passagiere von den Rettungsschiffen noch nicht an Land – weil weiter gesucht werde.

Menschen winken von Schiff Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sichtlich erschöpft, aber erleichtert: Gerettete Passagiere der «Norman Atlantic» kommen im italienischen Bari an. Reuters

«Wir dachten alle, wir sterben»

Bis die Rettung endlich abgeschlossen war, schien die Nacht endlos. Retter hatten die Menschen mit Hubschraubern von Bord der qualmenden Fähre gebracht. Wind, Dunkelheit und Kälte erschwerten die Operation. Passagiere berichteten von Schlägereien und Panik an Bord.

Ein Augenzeuge erzählte, er habe Leichen gesehen. «Ich habe vier tote Personen gesehen», zitierte die Agentur Ansa einen Passagier. Andere Passagiere erhoben schwere Vorwürfe gegen die Besatzung.

«Eigentlich hätten wir mit einem anderen Schiff fahren sollen. Wir haben das erst im Hafen gemerkt. Als wir es gesehen haben, ist uns etwas mulmig geworden», sagte eine Frau. «Auf dem Schiff gab es keinerlei Koordination. Das Personal war praktisch nicht vorhanden.»

Es sei nur ein Rettungsboot im Wasser gewesen, erzählte einer der ersten Passagiere, die von einem Handelsschiff gerettet wurden. «Niemand von der Besatzung war da, um den Menschen zu helfen. Wir dachten alle, wir sterben.»

Augenzeugen berichteten, dass viele Menschen ins Meer gestürzt seien, als die Rettungsboote auf das Wasser gehievt wurden, weil die Leinen gerissen seien, so Zahn. «Da war anscheinend ziemliches Chaos an Bord.» Die Möglichkeit, dass noch mehr Menschen ertrunken sind, bestehe wirklich.

Ermittlungen wegen Fahrlässigkeit

Die Staatsanwaltschaften in Bari und Brindisi leiteten Ermittlungen wegen fahrlässigen Schiffbruchs und fahrlässiger Tötung ein. «Es geht hier auch um Schadenersatzansprüche, die die Passagiere irgendwann geltend machen können», so Zahn. Die italienische Reederei Visentini erklärte, sie wolle mit den Behörden kooperieren.

Die Fähre habe alle Zertifikate gehabt und sei fahrtüchtig gewesen. Bei einer Inspektion am 19. Dezember waren leichtere Mängel an der «Norman Atlantic» festgestellt worden.

Auf einem Autodeck der Fähre war am frühen Sonntagmorgen ein Feuer ausgebrochen, das sich rasend schnell ausbreitete. Es wird weiter über die genaue Brandursache spekuliert. Lastwagenfahrer berichteten, dass das Fahrzeugdeck überladen gewesen sei. Zudem hätten viele Laster und auch Privatfahrzeuge entzündbares Olivenöl geladen gehabt.

Alles Schweizer Passagiere gerettet

Das brennende Schiff trieb zunächst manövrierunfähig Richtung Albanien. Mehrere Versuche, die Fähre an einem Schlepper zu befestigen, scheiterten. Erst, als ein Marineschiff mit Helikopterlandeplatz vor Ort war, konnten die Passagiere in Sicherheit gebracht werden.

Die Fähre liegt noch vor der albanischen Küste. Die geretteten Passagiere wurden mit verschiedenen Schiffen nach Italien und Griechenland gebracht oder sind dahin unterwegs. Mehr als die Hälfte davon sind Griechen. Unter den Passagieren waren auch zehn Schweizer – sie sind nun auch alle in Sicherheit.