Onlineformular statt Mauthäuschen in Norditalien

Auf gewissen Autobahnstrecken in Norditalien wurde das Gebührensystem stark vereinfacht. Abgerechnet wird neu nicht mehr vor Ort, sondern bequem im Nachhinein – via Registrierung im Internet. Das klingt toll, zumindest in der Theorie. Aber in der Praxis bringt das System viel Ärger.

Lastwagen stauen sich nach einer Mautstation in Norditalien. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Norditaliens Autobahnen haben ein neues Bezahlsystem. Leider ist es nicht so einfach wie geplant. Reuters

SRF News: Norditaliens Autobahnen haben ein neues Bezahlsystem eingeführt. Dieses sorgt für viel Unmut. Was ist der Grund dafür?

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Gerhard Lob

Gerhard Lob

Gerhard Lob berichtet regelmässig für Radio SRF aus dem Tessin. Der Journalist figuriert auch für den «Tagesanzeiger», den «Bund», die «Berner Zeitung» und das «St. Galler Tagblatt» als Korrespondent des Südkantons.

Gerhard Lob: Das Problem ist, dass man für die Bezahlung das Nummernschild und sehr viele weitere Angaben eingeben muss. Ganz grosse Schwierigkeiten gibt es bei der Einzelfahrtabrechnung; der Abrechnung für Automobilisten, die nur gelegentlich dort durchfahren. Diese werden im Internet nach Geburtsdatum und Geburtsort und etlichen weiteren Angaben gefragt. Und dann gibt es noch das Nummernschildkonto «conto targa»: Dafür muss man sage und schreibe 15 A4-Seiten ausfüllen, an drei Stellen unterschreiben und auf dem Postweg an die italienische Autobahnbehörde schicken. Das ist sehr aufwendig, aber notwendig für Personen, die diesen Autobahnabschnitt regelmässig nutzen.

Das klingt kompliziert. Kann es sein, dass jemand trotz redlicher Absicht nicht in der Lage ist, die Gebühren zu bezahlen?

Das ist so. Die Tessiner Presse hat Selbstversuche gemacht. Dabei kam es vor, dass man es trotz besten Absichten nicht geschafft hat, diese Gebühr zu entrichten. In dem Fall riskiert man eine Busse. Bisher sei zwar noch keine Busse irgendwo eingetroffen, bestätigte mir ein TCS-Sprecher. Doch diese können recht saftig sein. Im Moment ist die Rede von bis zu 384 Euro – umgerechnet rund 420 Franken. Die Autobahngesellschaft hat das Inkasso allerdings an eine andere Firma ausgelagert. Diese wird sich wohl wenig dafür interessieren, ob es Schwierigkeiten beim Bezahlen gab. Sie will bloss Geld sehen.

Was heisst das für Personen aus der Schweiz, die mit dem Auto in Norditalien unterwegs sind?

Sie werden sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten bei der Bezahlung der Maut haben, wenn sie diese Autobahnabschnitte benutzen. Und sie müssen sehr viel Geduld haben, wenn sie die Nutzung über das Internet abrechnen wollen. Im Extremfall riskieren sie eben eine Busse.

Betroffen sind vor allem Tessiner, die in Norditalien unterwegs sind. Wie kommt das neue System dort an?

Gar nicht gut. Eine Konsumentensendung des Tessiner Senders RSI hat darüber berichtet. Darauf folgten sehr viele aufgeregte Kommentare. Auch der TCS ist laut eigenen Angaben mit Anfragen zu dem Thema bombardiert worden. Es herrscht eine sehr grosse Verunsicherung. Insbesondere auch, weil man durch die Beschilderung auf diese Autobahnabschnitte gelotst wird, ohne dass man es merkt.

Solche Bezahlsysteme wurden schon in anderen Ländern erprobt. Wieso läuft es in Italien dennoch nicht besser?

In Italien hatte man sicher gute Absichten verfolgt. Aber man war sich nicht im Klaren, was für Folgen es haben wird, wenn man das System auf diese Weise aufgleist. Insbesondere hat niemand daran gedacht, was es für Ausländer bedeutet. Das zeigt sich zum Beispiel daran, das in der ersten Maske des Online-Formulars von einem Fiskalcode die Rede ist – ein Code, der jeder Italiener hat, aber Ausländer nicht. Deswegen konnte das Formular für das Nummernschildkonto am Anfang gar nicht von Ausländern ausgefüllt werden. Erst nach der Intervention des TCS hat man diesen Fiskalcode aus der Maske entfernt. Zum einen hat man sich wirklich zu wenig Gedanken gemacht. Zum anderen ist man aber auch Opfer der Gesetzgebung. Bürokratie wird Italien ja bekanntlich grossgeschrieben.

Die Probleme sind gross. Gibt es Aussicht auf Besserung?

Das ist zu hoffen, aber wir wissen es nicht. Soweit ich gehört habe, hat die betroffene Autobahngesellschaft in Italien diese Probleme zur Kenntnis genommen. Sie hat gemerkt, was verbessert werden müsste. Es gibt Vorbilder in Europa, bei denen es besser läuft, zum Beispiel in Portugal, wo ein ähnliches System in Kraft ist. Man kann nur hoffen, dass die italienischen Betreiber ihr System bald anpassen.

Das Gespräch führte Anna Wepfer.