PIP: Erster Prozesstag, erster Eklat

Im Skandal um minderwertige Silikonprothesen steht der Firmengründer in Marseille vor Gericht. Nach dem Betrug wolle er sich nun um die finanzielle Entschädigung der Opfer drücken, fürchten die betroffenen Frauen. Sie haben ihrem Unmut im Gerichtssaal Luft gemacht.

Viel zu sagen hat Jean-Claude Mas erst einmal nicht. Doch bereits das führt zu einem Eklat. Beim Auftakt des ersten Strafprozesses gegen den Gründer des mittlerweile insolventen Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP) geht es um Betrug und Täuschung.

Mas muss vor Gericht in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille nur persönliche Angaben liefern: Geburtsort, Wohnort – sowie Beruf und Einkommen. Rentner; 1700 Euro, sagt Mas. Buhrufe ertönen, Protestgeheul erhallt. Hunderte Frauen, Opfer und Nebenklägerinnen zugleich, sind empört. Ihre Vermutung: Mas drücke sein Einkommen nach unten. Er wolle für den entstandenen Schaden finanziell nicht aufkommen.  

Eben dieser Schaden ist immens – genau wie das Leiden der Frauen. Der ehemalige PIP-Chef gestand der Polizei bereits, dass sein Unternehmen anstatt hochwertige Silikon-Einlagen ein billiges Gel aus der Industrieproduktion für Brustimplantate verwendet hatte. Das soll rund zehnmal günstiger gewesen sein als das offiziell zugelassene Material. SRF-Korrespondent Rudolf Balmer sagt: «Weltweit sind bis zu 300‘000 Frauen davon betroffen. 300 davon in der Schweiz».

Mehrzweckhalle wird Gerichtssaal

5127 der Opfer agieren als Nebenklägerinnen. Seit 2009 der PIP-Skandal ausgebrochen war, warteten sie gespannt auf den Prozessbeginn. So fuhren auch Hunderte von ihnen nach Marseille. Das stellte die Justiz vor Ressourcenprobleme. Balmer sagt: «Das ist schon sehr merkwürdig. Eine Mehrzweckhalle wurde in einen Gerichtssaal umfunktioniert.» Sie bietet 1500 Menschen Platz.

Die französische Justiz klagt neben Jean-Claude Mas auch vier seiner ehemaligen Mitarbeiter an. In dem Prozess geht es um Betrug und Täuschung. Das juristisch ebenfalls heikle Thema der Körperverletzung wird in einem gesonderten Verfahren behandelt.

Grosse Hoffnungen

Die Frauen hegen unterdessen grosse Hoffnungen. Sie möchten, dass die Angeklagten – vor allem Mas selbst – strafrechtlich schuldig gesprochen werden. «Damit klar ist, wer an ihren Gesundheitsproblemen und finanziellen Schwierigkeiten Schuld ist», sagt Balmer.

Den Angeklagten drohen wegen Betrugs und schwerer Verbrauchertäuschung bis zu fünf Jahre Haft. Mas hatte den Ermittlern seine Taten bereits gestanden. Doch Korrespondent Balmer zweifelt, ob sich der 73jährige über die schweren Folgen wirklich bewusst gewesen sei.

Wer muss zahlen?

Die betroffenen Frauen wollen ihre Rolle als Opfer und die damit verbundene Würde anerkannt sehen. Und es geht ihnen ums Geld. Das Finanzielle erweist sich bereits jetzt als Knacknuss. Mas gibt ein Einkommen von 1700 Euro an. Er ist offiziell zahlungsunfähig. Seine Firma wurde liquidiert.

Alexandra Blachère sieht letztlich nur einen Ausweg aus diesem Dilemma. Sie ist Präsidentin der Vereinigung der PIP-Implantate-Trägerinnen. Blachère sagt: Es brauche einen staatlichen Fonds, der für die Entschädigung der Frauen aufkommt.

Die mündliche Verhandlung soll bis zum 17. Mai dauern. Ein Urteil wird gegen Ende des Jahres erwartet.