Prominente Spendensammler werden zum Eigentor für Hilfswerke

In den Einkaufsstrassen singt die Heilsarmee, aus den Briefkästen purzeln Bettelbriefe und wer es üppiger mag, geht an Spendengalas. Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Immer öfter setzen Hilfswerke – private, aber auch die UNO – dabei auf Prominente. Das kann funktionieren, muss aber nicht.

UNHCR-Botschafterin Angelina Jolie, hier bei einer Konferenz in Genf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Investiert viel Zeit und Geld: UNHCR-Botschafterin Angelina Jolie, hier bei einer Konferenz in Genf. Reuters

Was haben George Clooney, Königin Rania von Jordanien, Tony Blair, Maria Sharapova, David Beckham oder Angelina Jolie gemeinsam? Sie sind erstens alle sehr berühmt. Und zweitens sind sie Ausgängeschilder der Vereinten Nationen oder von Hilfswerken.

Der weltweite Trend, für die gute Sache auf Prominenz zu setzen, begann so richtig 1984 mit dem Lied «Do they know it's Christmas». Dutzende von Berühmtheiten traten damals auf, Hunderte Millionen Dollar Spenden wurden gesammelt.

Seither gibt es kaum ein humanitäres Anliegen, für das nicht eine Berühmtheit als «Goodwill Ambassador» oder zur Zier auf einer Spendengala eingesetzt wird. Selten etwa strahlt UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon so sehr, wie wenn er einen neuen prominenten Botschafter präsentieren darf – kürzlich etwa, als er den neuen Klima-Botschafter Leonardo di Caprio vorstellte.

Stars und Sternchen als Geldeintreiber

4:16 min, aus Echo der Zeit vom 21.12.2014

Di Caprio mag immerhin ein glaubwürdiger Repräsentant sein, ebenso wie Angelina Jolie, das UNO-Aushängeschild für Flüchtlinge. Ihr hält sogar Ian Richards, der Chef der Uno-Angestelltengewerkschaften, zugute, viel Zeit und Geld zu investieren.

Peinliche und noch peinlichere Auftritte

Peinlich geriet hingegen der Auftritt von Ex-Spice-Girl, Modedesignerin und Fussballergattin Victoria Beckham vor der UNO-Presse. Nur wenige Journalisten bemühten sich zur Pressekonferenz, auf der sie als Anwältin für die Emanzipierung afrikanische Mütter präsentiert wurde.

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Bildlegende: Modedesignerin, Fussballergattin – und Goodwill Ambassador: Victoria Beckham Reuters

Dort wurde die Werbe-Idee dann ad absurdum geführt. Denn kein Journalist wollte von Frau Beckham etwas über Frauen in Afrika erfahren, sondern nur über Herrn Beckham. Oder als der britische Ex-Premier Tony Blair nach Westafrika reiste, um den Kampf gegen Ebola zu unterstützen. Die Presse vor Ort wollte ihm einzig Aussagen zur Krise der Labour-Partei entlocken.

Und als neulich das weltweit tätige Hilfswerk «Save the Children» Tony Blair auszeichnete – übrigens gemeinsam mit dem Fernsehhund Lassie – schoss es gar ein Eigentor.

Es sei pervers, einen der Urheber des Irak-Krieges, der so viele auch jugendliche Opfer forderte, zu preisen, sagte Chris Nineham von der «Stop the War»-Kampagne gegenüber der BBC. Mehr als fünfhundert Mitarbeiter von «Save the Children» forderten in einem Brief, Blair den Preis abzuerkennen. Eine Twitter-Kampagne gegen die Auszeichnung fand über 100'000 Unterstützer, zahlreiche Gönner sprangen schliesslich ab.

Lebhafte Debatte

Der Eklat hat jedoch einen positiven Nebeneffekt: Er lancierte eine lebhafte Debatte über Sinn und Unsinn, wohltätige Anliegen primär mit Prominenten-Einsätzen zu fördern. «Ich habe etwa 100'000 sehr hart arbeitende Kollegen überall auf der Welt im Einsatz – viele von ihnen an sehr gefährlichen Orten», sagt UNO-Mann Ian Richards.

Letztlich müsse es darum gehen, was diese Menschen an der Front täten. Jene, die nicht nur als Steckenpferd ein paar Stunden im Jahr Hilfe leisten, Menschen retten, Lebensmittel verteilen. Einzig wenn Prominente helfen, den Blick auf das zu lenken, worum es letztlich geht, sei ihr Engagement sinnvoll, so Richards.

Dabei müssen sich auch die Medien selbstkritisch fragen: Berichten sie über humanitäre Nöte um der Sache willen – oder bloss weil sich damit eine Promi-Geschichte verbinden lässt?