Um die Proteste gegen die autokratische Regierung in Georgien ist es ruhiger geworden. Doch die Menschen in der Kaukasusrepublik treibt ein schrecklicher Verdacht um.
Die 39-jährige Maka ging im Herbst 2024 auf die Strasse, weil man sie im Wahllokal unter Druck setzen wollte, die Regierungspartei zu wählen. «Mir wurde klar, dass wir in einer Diktatur leben», erinnert sich Maka, die in Wahrheit anders heisst.
In jenen Tagen lieferten sich Polizei und Demonstrierende teilweise heftige Auseinandersetzungen vor dem Parlamentsgebäude in Tiflis. Dabei setzten die Sicherheitskräfte Wasserwerfer ein. Es kursierten Gerüchte, die Polizei mische Pfefferspray oder Tränengas ins Wasser. Doch die Betroffenen merkten bald, dass die Symptome schwerer sind und länger anhalten.
«Mich traf das Wasser, mein Gesicht war nass und es brannte», sagt Maka. «Mir wurde schwindlig, ich trank einen Schluck Wasser aus meiner Flasche. Da brannte es auch in meinem Rachen.»
Die nächsten Tage wurden für Maka zur Qual. Sie hatte Kopfschmerzen, einen Ausschlag im Gesicht und Atemprobleme. Im Spital wurden schwere Schäden an ihrer Luftröhre festgestellt. Doch niemand konnte ihr erklären, was der Auslöser war.
Ein Kinderarzt ermittelt
Auch andere Demonstrationsteilnehmende berichten von solchen Symptomen – darunter viele Bekannte von Konstantine Tschachunaschwili.
«Darum habe ich eine Studie durchgeführt», sagt der Kinderarzt aus Tiflis. «Meine Freunde hatten Symptome, die bei Pfefferspray oder Tränengas nicht normal wären.» Mit einem Onlineaufruf hätten sie Hunderte weitere Betroffene gefunden. «69 haben wir genau untersucht. Sie hatten Veränderungen der Blutgefässe und bei der elektrischen Leitfähigkeit des Herzens. Das kann bedeuten, dass das Herz nicht genügend Sauerstoff bekommt.»
Tschachunaschwilis Studie wurde inzwischen in einer angesehenen Fachzeitschrift publiziert. Sie ist auch ein wichtiges Puzzleteil in einer Recherche der BBC zur Substanz, die die georgische Polizei in ihren Wasserwerfern verwendete.
Die britischen Journalistinnen und Journalisten kamen in ihrem Dokumentarfilm zum Schluss: Das war nicht Pfefferspray oder Tränengas. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um einen chemischen Kampfstoff namens Brombenzylcyanid, der für die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs entwickelt wurde.
Heikle Verbindungen
Dokumente, die der BBC vorliegen, zeigen, dass der Kampfstoff unter einer vorherigen proeuropäischen Regierung angeschafft wurde. Dieser werfen die jetzigen Machthaber schon lange Polizeigewalt und Machtmissbrauch vor.
Doch dass die Chemikalie offenbar erst jetzt eingesetzt wurde, ist für den Georgischen Traum politisch besonders heikel. Denn es könnte bestätigen, was viele in Georgien denken: Dass die Partei noch skrupelloser ist als die vorherige Regierung.
«Normale Politiker wären dankbar für den Hinweis, dass ihre Bürgerinnen und Bürger vergiftet werden», so Tschachunaschwili. Stattdessen gehe die Regierung gegen die Whistleblower vor. «Sie benehmen sich so, als hätten sie etwas zu verbergen.»
Maka leidet bis heute an Schmerzen, Erschöpfung und Nasenbluten. «Zuvor dachten wir nicht, dass uns die Regierung so etwas antun würde», so Maka. «Aber da lagen wir falsch.»