«Putsch wird nicht zu einem Erfolg führen»

Zwar sind die Drahtzieher hinter dem Putsch gegen die türkische Regierung noch nicht bekannt. Aber an den Brennpunkten des Geschehens scheint sich die Lage allmählich zu entspannen. Damit deute vieles darauf hin, dass der Aufstand misslinge, sagt ZDF-Korrespondent Luc Walpot in Istanbul.

SRF News: Sie stehen in Istanbul am Bosporus. Wie ist die Situation vor Ort?

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Luc Walpot

Luc Walpot

Luc Walpot ist ein belgischer Journalist. Seit 1998 berichtet er weltweit aus Krisengebieten. Im Januar 2012 hat er die Leitung des ZDF-Studios in Istanbul übernommen.

Luc Walpot: Die beiden Brennpunkte des Geschehens, die beiden Bosporus-Brücken und der Flughafen Atatürk, sind inzwischen truppenfrei. Auf der Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke – der grossen Autobahnbrücke über den Bosporus – hatten die Armeeangehörigen mit Panzern den Zugang von der asiatischen zur europäischen Seite versperrt. Die haben sich nun im wahrsten Sinn des Wortes ergeben. Die Polizei hat sie schon am Morgen um 3 Uhr abgeführt, als Staatspräsident Erdogan gelandet und von einer jubelnden Menge empfangen worden war.

Die Regierung hat die Lage aber noch nicht hundertprozentig unter Kontrolle. Aus Ankara werden nach wie vor Kampfhandlungen gemeldet. Es ist noch immer nicht ganz klar, wer die Kontrolle über das Hauptquartier der Streitkräfte hat. Es heisst, dass Aufständische und Regierungstreue noch in Kampfhandlungen involviert sind. Medien berichten von schweren Schäden am Parlamentsgebäude, das wohl aus der Luft angegriffen wurde. Parlamentarier sind nicht zu Schaden gekommen, sie haben sich wohl im Keller verschanzt.

In Istanbul normalisiert sich aber die Lage. Die Leute trauen sich noch nicht massiv auf die Strasse, aber der Verkehr hat allmählich wieder begonnen. Auch am Flughafen Atatürk scheint sich der Luftverkehr wieder zu normalisieren. Die Stimmung unter den Menschen ist noch sehr zurückhaltend. Die Bürger wollen sich zuerst einmal über die Ereignisse informieren.

«  Parlamentarier sind nicht zu Schaden gekommen. Sie haben sich wohl Im Keller verschanzt. »

Luc Walpot
ZDF-Korrespondent

Wer sind die Putschisten?

Man weiss wenig. Was man weiss, ist die Darstellung von der Regierung und von Erdogan aus der Nacht: Dies sei wieder einmal ein Versuch eines Parallelstaates, die Dinge in den Griff zu bekommen. Damit meint er gemeinhin die Anhänger des islamistischen Predigers Fetullah Gülen, der im Exil in Pennsylvania, USA, sitzt. Der hat aber eine grosse Zahl von Anhängern und war einmal enger Weggefährte von Erdogan.

Diese Schuldzuweisung von Erdogan ist sehr schnell gekommen. Seit etwa einem Jahr macht er Gülen für alles verantwortlich, was schiefläuft in der Türkei. Es ist nicht zu leugnen, dass Gülen überall im Staatsapparat Anhänger hat. Für die Gülen-Bewegung sind aber wohl zu viele Militärs am Putsch beteiligt. Viele Militärs sind mit dem Kurs Erdogans seit Jahren nicht einverstanden. Offensichtlich hat sich dieser Unmut bei einigen Generälen und in Teilen des Offizierskorps bahngebrochen. Wir Journalisten wissen noch wenig, wer hinter dem Putsch steckt. Namen gibt es noch keine.

Auch gab es – und das ist ganz ungewöhnlich – in der Nacht keine Stellungnahme ausser einem dürren Communiqué. Das ist anders in den drei Putschs, die es in der Türkei bisher gegeben hat. Kein General ist vor ein Mikrophon getreten, weder im Radio noch im TV – obwohl die Soldaten den staatlichen Fernsehsender TNT besetzt hatten. Insofern weiss man wenig. Aber wir können vermuten, dass es nur Teile der Armee sind, die sich am Putsch beteiligen.

«  Man kann mit 1000 Soldaten eine Republik wie die Türkei nicht in den Griff kriegen.  »

Luc Walpot
ZDF-Korrespondent

Türkische Kollegen sprechen von etwa 600 bis 1000 Offizieren und Soldaten. Wenn das stimmt, wäre das eine ganz ungewöhnliche Ausgangssituation. Man kann mit 1000 Soldaten und einigen hohen Offizieren nicht eine Republik wie die Türkei in den Griff kriegen. Es deutet zur jetzigen Stunde alles darauf hin, dass der Putsch schlecht vorbereitet war.

Kann man denn sagen, wie das Erdogan behauptet, dass der Putsch gescheitert sei?

Ich würde denken, dass mehr als nur etwas darauf hindeutet. Wie gesagt: Die Situation in Istanbul scheint sich zu normalisieren. Und wir haben eben Kollegen in Ankara gesehen, die vor dem Parlamentsgebäude Fernseh-Schaltungen gemacht haben. Das heisst, auch dort sind wieder Menschen auf der Strasse unterwegs. Wir wissen allerdings noch nicht, wie viele Putschisten sich noch im Land aufhalten. Das ist noch nicht ganz geklärt. Insgesamt würde ich aber sagen: Der Putsch wird wohl nicht zu einem Erfolg führen.

ZDF-Korrespondent zu Verschwörungstheorien des Putschversuchs

1:10 min, vom 16.7.2016

Was ist an dem Vorwurf dran, dass Erdogan selbst diesen Putschversuch inszeniert hat?

Solche Gerüchte kursieren in der Türkei massiv auf den sozialen Netzwerken. Erdogan wird diesen Putschversuch auf jeden Fall politisch nutzen. Er wird das Militär weiter säubern. Innenpolitisch wird er seine Gegner in die Ecke von Sympathisanten der Putschisten stellen. Dass Erdogan oder seine Sicherheitskräfte deshalb diesen Putschversuch inszeniert haben, scheint mir doch sehr weit hergeholt. Es gibt allerdings eine Menge Auffälligkeiten. Anders als bei den früheren Aufständen in der Türkei, waren die Putschisten nicht so gut vorbereitet. Zum Glück, denn so ist weiteres Blutvergiessen vermieden worden.