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Bewohner flüchten über eine Brücke.
Legende: Rund 40'000 Menschen sind vor dem IS aus der Provinzhauptstadt Ramadi geflohen. Keystone
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International Ramadi in IS-Hand: Ist die Strategie der USA gescheitert?

Die westirakische Provinzhauptstadt Ramadi ist von der Terrormiliz IS überrannt worden – trotz massiven Luftschlägen der US-geführten Koalition. Die USA reagierten scheinbar gelassen. Doch Obama stehe vor einer schwierigen Entscheidung, sagt Stephan Bierling, Professor für Internationale Politik.

SRF News: Nach dem Fall von Ramadi hiess es von den USA, dieser Verlust sei gar nicht so schlimm. Stimmt das wirklich?

Stephan Bierling: Die Eroberung von Ramadi ist ein deutlicher Rückschlag für die Allianz, die gegen den IS kämpft. Schliesslich dachte man nach den vergangenen Monaten, dass der Vormarsch des IS vor allem im Irak gestoppt sei. Gleichzeitig sind aber nicht primär die USA betroffen. Mehr betroffen sind die Regime in der Region, weil der IS als Ziel ausgibt, die etablierte Staatenstruktur der Region zu überwinden und durch das Kalifat zu ersetzen. Das heisst, in Bagdad, Riad und in anderen Städten der Region würde ich mir grössere Sorgen machen als in Washington.

Offenbar haben die USA die irakische Regierung im Vorfeld unter Druck gesetzt, dass keine schiitischen Milizen in den Kampf geschickt werden. Warum das?

Es ist nicht nur ein machtpolitischer, sondern auch ein religiöser Konflikt. Die Regierung von Al-Maliki, die 2008 bis 2014 im Irak im Amt war, hat sehr stark auf diese konfessionelle Unterscheidung gesetzt und die Sunniten ausgegrenzt. Diese Sunniten sind jetzt das Rückgrat des IS. Gibt sich die irakische Regierung nun als Kämpfer für schiitische Interessen, ist dies eine Katastrophe für die Bewohner von Ramadi. Diese hegen zum Teil Sympathien für den IS. Nicht, weil sie mit den Methoden einverstanden sind, sondern weil sie sich von der Regierung in Bagdad ausgegrenzt fühlen.

Nun war die irakische Armee doch zu schwach, um sich der Terrormiliz IS entgegenzusetzen. Tragen die USA also durch ihr Veto gegen die schiitischen Milizen eine Mitschuld am Fall von Ramadi?

Das würde ich nicht so sehen. Die irakische Armee ist korrupt, sie hat kaum Kampfmoral. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass es der Irak im Grunde nie geschafft hat, eine überkonfessionelle Armee aufzubauen und diese systematisch auch auf solche Häuserkämpfe vorzubereiten. Wenn man sich dann auf diese schiitischen Milizen verlässt, gibt es Probleme. Die Amerikaner wollen eben gerade nicht, dass es die Schiiten sind, die den IS bekämpfen. Der Irak als Staat soll dafür zuständig sein. Und die Amerikaner versuchen, diesen irakischen Staat irgendwie zusammenzuhalten. Deshalb raten sie auch immer wieder dem neuen Ministerpräsidenten al-Abadi, nicht nur auf die schiitische Karte zu setzen.

Muss man denn zusammenfassend sagen, dass die amerikanische Strategie gegen den IS gescheitert ist?

Gescheitert ist die irakische Strategie. Doch auch die amerikanische Strategie, die im Grunde nur Hilfestellungen geben will aus der Luft und beim Training irakischer Truppen, ist bestimmt nicht völlig aufgegangen. Es dürfte noch einige Zeit dauern und es wird wahrscheinlich zuletzt amerikanische «boots on the ground» benötigen, um den IS dauerhaft zurückzudrängen und zu schlagen. Auf diese Frage nach möglichen Kampftruppen will Präsident Barack Obama im Moment überhaupt nicht eingehen. Irgendwann wird er aber darüber entscheiden müssen, weil die irakische Armee und auch die schiitischen Milizen es alleine nicht schaffen werden.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Stephan Bierling

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Porträtaufnahme von Professor Stephan Bierling
Legende: ZVG

Der deutsche Politikwissenschafter ist Professor für internationale Politik und transatlantische Beziehungen an der Universität Regensburg. Die Innen-, Aussen- und Wirtschaftspolitik der USA ist sein Spezialgebiet.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI , Nelspruit SA
    Und der Strauss namens "Welt" steckt seinen Kopf in den Sand....
  • Kommentar von N. Buonaparte , Thurgau
    Haben die USA überhaupt eine Strategie? Oder geht sie am Ende gerade auf? Bei denen weiss man nie. Viel beunruhigender ist das "Stillhalten" Europa's. Da tobt ein mörderischer Krieg in "unserem" Vorgarten. Und Europa... ach ja, will Schiffliversenken vor der libyschen Küste spielen. Libyen, das ebenfalls von ISIS dominiert wird. Das nenne ich Selbstmord.
    1. Antwort von E. Waeden , Kt. Zürich
      Denke, die hatten schon eine Strategie! Ihre Wirtschaft wieder an zu kurbeln. Wenn man bedenkt, wie viel an der Rüstungsindustrie dran hängt. Und die IS hat jetzt noch mehr Waffen aus der USA als vorher, denn diese ehemaligen Verbündeten von ihnen im Kampf gegen das Regime Assad wurden ja von ihnen aufgerüstet & ausgebildet. Vermutlich schicken sie deshalb keine Truppen. Wenn dann ihre Leute von eigenen Waffen getötet werden würden, käme die Regierung in eine ziemliche Schieflage.
  • Kommentar von p.keller , kirchberg
    Die Frage ist eher: wer unterstützt IS?