«Rassismus ist in Italien sehr weit verbreitet»

Italiens farbige Integrationsministerin Cecile Kyenge ist wiederholt mit Bananen beworfen worden. Trotzdem ist sich SRF-Korrespondent Massimo Agostinis sicher: Mit der Berufung Kyenges zur Ministerin hat Premier Enrico Letta eine wichtige Debatte im Land angestossen.

Kyenge und Letta besprechen sich im Parlament. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Premier Letta hat Kyenge wohl sehr bewusst in sein Kabinett berufen. Reuters

SRF: Italiens erste schwarze Ministerin Cecile Kyenge wurde an einer Parteiveranstaltung mit Bananen beworfen, ein Politiker hat sie unlängst mit einem Orang-Utan verglichen. Wie kommt so etwas an in Italien?

Massimo Agostinis: Es gab sehr viel offizielle Entrüstung, Parteiausschlüsse und sehr viele Solidaritätsbekundungen für Kyenge. Generell muss man aber festhalten: Rassismus ist in Italien sehr weit verbreitet. Dabei spielt rechts oder links keine Rolle, der Rassismus geht bis ganz tief in die Gesellschaft hinein.

Ist Rassismus in Italien salonfähiger als anderswo in Europa?

Den Vergleich mit anderen Ländern kann ich nicht machen, da ich diese nicht so gut kenne wie Italien. Hier aber ist Rassismus durchaus salonfähig. Das ist einigermassen überraschend: Italien war selber während Jahrzehnten ein Auswanderungsland. Deshalb könnte man davon ausgehen, dass Rassismus dem Land einigermassen fremd sein sollte – ist er aber nicht. Eine Erklärung dafür: Bis in die 1980er-Jahre wanderten viele Italiener auf der Suche nach Arbeit aus. Dann aber ging es mit der italienischen Wirtschaft steil bergauf. Die Folge: Innert kurzer Zeit kamen viele Immigranten aus dem Ausland nach Italien. Entsprechend nahm der Druck auf die Löhne zu, was die Stimmung gegenüber den Ausländern in der jetzigen Krise wohl verschärft hat. Hinzu kommt aber: Der italienischen Gesellschaft wohnt der Rassismus geradezu inne. So weiss man etwa von vielen Italienerinnen und Italienern, die ihre ausländischen Hausangestellten wie den letzten Dreck behandeln.

Rassismus ist also nicht nur ein Problem der rechts denkenden Italiener?

Nein, überhaupt nicht. Ich war auch schon an einer Gewerkschaftsveranstaltung, an der ebenfalls Bananen gegen Ministerin Kyenge flogen. Auch in traditionell linken Kreisen also ist diese Abneigung gegen Ausländer sehr verbreitet. Es hat wohl auch damit zu tun, dass die italienische Gesellschaft an sich sehr konservativ und gegenüber allem Neuen sehr unaufgeschlossen ist.

Wie war es vor diesem Hintergrund denn überhaupt möglich, dass die aus Afrika stammende Kyenge Ministerin geworden ist?

Regierungschef Enrico Letta hat Kyenge ganz bewusst ausgewählt und zur Integrationsministerin gemacht. Es war wohl ein Versuch, dem Land ein Zeichen zu geben: ‹Seht her, wir haben sehr viele Afrikaner. Diese Afrikaner arbeiten vorwiegend in der Landwirtschaft und ohne sie würde niemand die Tomaten pflücken, die ihr esst.› Es ging also darum, die Italiener wachzurütteln und ihre Einstellung gegenüber den Afrikanern und gegenüber den Ausländern generell zu verändern.

Ministerin Kyenge selber geht mit den rassistischen Anfeindungen bislang sehr souverän um, sie lässt sich nicht provozieren. Könnte es sein, dass sie sogar gestärkt aus dem Ganzen hervorgeht?

Ob sie selber am Schluss davon profitiert, bin ich mir nicht so sicher. Klar aber ist, dass die Debatte in Italien über Rassismus und Integration gestärkt wird. Denn die Leute müssen über dieses Thema diskutieren und Stellung dazu beziehen. Man muss wissen: Bis vor kurzem – unter Berlusconi – wurden die Ausländer schlechtgeredet. Es gab auch in der Zivilgesellschaft niemanden, der sich für sie einsetzte. Die katholische Kirche war die einzige, die hin und wieder ihre Stimme erhob für die Ausländer. Deshalb denke ich, die Debatte, welche Kyenge als Person auslöst, tut diesem Land gut. Und vielleicht bringt es Italien ein bisschen weiter in dieser Frage.

Das Interview führte Lorenzo Bonati