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Gewalt in Charlottesville «Rechtsnationale glauben, sie haben einen Freund im Weissen Haus»

Bei Krawallen in Charlottesville starben mindestens drei Menschen. Historiker Georg Schild schätzt die Situation ein.

Demo in Charlottesville
Legende: Drei Tote und 35 Verletzte nach Krawallen zwischen Rechtsextremen und Gegendemonstranten in Charlottesville. Keystone

SRF News: Hat Sie die Gewalt der Rechten in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia überrascht?

Georg Schild: In dieser Heftigkeit habe ich das nicht vorhergesehen. Es hat sich mit der Wahl von Donald Trump etwas am rechten politischen Spektrum Amerikas ergeben, nämlich dass bestimmte konservative rechtsnationale Gruppen das Gefühl haben, sie haben einen Freund im Weissen Haus. Dass diese Gruppen so massiv auf die Strasse gehen und Symbole zeigen, die mich als Deutscher doch frappierend an die NS-Zeit erinnern, das muss ich sagen, hat mich ein wenig überrascht.

Wenn man nun Trump mitverantwortlich macht und sagt, er habe den Weg bereitet, dass diese Gruppen nun wieder auf die Strasse gehen, würden Sie das unterschreiben?

Das ist in der Tat ein Problem mit Trump und seinen Freunden zum Beispiel der Alt-Right-Bewegung. Man muss darauf achten, wie das in den USA weitergeht, welche Macht diese Gruppen haben: Ob sie sich dauerhaft durchsetzen können oder ob die Gruppen nur glauben, dass Trump auf ihrer Seite ist und der Präsident nur nach Möglichkeiten sucht, sich von ihnen abzusetzen.

Sehen wir hier ein Wachsen der rechten Bewegung oder getraut man sich mehr? Man hat lesen können, dass die Gruppe schon unter Barack Obama Zuwachs bekommen hat.

Ich glaube, dass alles unter Obama angefangen hat. Es sind Gruppen von Personen, die glauben, dass Obama kein wirklicher Amerikaner ist. Das hat auch Trump im Wahlkampf immer wieder gesagt. Und man hatte das Gefühl, ein Schwarzer gehört einfach nicht ins Weisse Haus.

Trump hat sich im Wahlkampf bewusst als der Anti-Obama dargestellt. Er wollte das genaue Gegenteil von dem, was Obama wollte und jetzt glaubt man, dass man einen Freund hat. Das zeigt ein Blick auf die Seite Breitbart oder etwa das Interview mit David Duke vom Ku-Klux-Klan, das gestern im amerikanischen Fernsehen lief. Die haben gesagt, «wir machen nur das, was der Präsident im Wahlkampf angekündigt hat». Die beziehen sich ganz unmittelbar auf Trump.

Trump scheint das indirekt zu bestätigen, wenn er die Gruppen nicht verurteilt.

Das ist wirklich merkwürdig. Er versuchte sich staatsmännisch zu geben, indem er sagte, «ich fordere alle Gruppen auf, Ruhe zu bewahren». Er lässt damit völlig ausser Acht, dass eine Gruppe Gewalt anwendet und die andere friedlich danebensteht. Ich kann im Moment nicht beantworten, ob Donald Trump selbst ein in sich geschlossenes konservatives noch schlimmeres nationalistisches Weltbild hat oder ob er einfach überfordert war, die richtige Antwort zu finden.

Diese Leute, die in Charlottesville marschiert sind, scheinen mir ein ziemlich zusammengewürfelter Haufen zu sein. Ist es eine homogene Bewegung mit einer klaren Forderung?

Nein sicherlich nicht. Es ist sehr schwer, die Alt-Right-Bewegung genau zu definieren. Es sind Unzufriedene, die sich sammeln und sich einig sind, was alles schlecht ist. Ich glaube, selbst wenn man sie fragen würde, was soll denn gemacht werden, gäbe es keine Übereinkunft. Sie sind da sehr unspezifisch.

Man kann es vielleicht mit dem Slogan von Trump «Make America Great Again» festmachen. Letztlich müsste jeder dieser vier Begriffe interpretiert werden. Was ist «America» in ihrer Vorstellung, was ist «great» und was heisst «again»? Wann war das Land denn mal gross? Das sind alles Schlagworte, die eine Unzufriedenheit einer bestimmten Gruppierung deutlich machen, ohne dass man weiss, was dahintersteckt.

Legende: Video Rechtsextreme Gewalt in den USA abspielen. Laufzeit 4:26 Minuten.
Aus Tagesschau vom 13.08.2017.

Ist das nun eine sehr laute und gewaltbereite Minderheit oder gibt es im Süden so etwas wie Rückhalt für diese Bewegung?

Ich denke und hoffe, dass es eine Minderheit ist, die gewisse Megaphone sehr intelligent einsetzt. Das ist Breitbart News, das ist Alex Johns, die sozialen Netzwerke und solche Demonstrationen wie wir sie jetzt in Charlottesville gesehen haben.

Im Süden kommt dazu die ungeklärte Frage, worum es im amerikanischen Bürgerkrieg eigentlich ging. Der äussere Anlass der Demonstration war ja das Entfernen eines Standbildes des Südstaatengenerals Robert E. Lee. Die Südstaatler sagen heute, dass es kein Krieg um Sklaverei war, sondern dass eine südstaatliche Lebensweise verteidigt werden sollte. Das würde ich als Historiker etwas anders sehen und sagen, dass sie für Sklaverei gestanden haben. So ist das auch ein Kulturkampf, der momentan im Süden ausgetragen wird.

Das Gespräch führte Andrea Christen.

Georg Schild

Georg Schild

Der Historiker Georg Schild ist Experte für nordamerikanische Geschichte an der Universität Tübingen.

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