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Reise ins zerstörte Mosul Befreit und doch nicht frei

SRF-Korrespondent Pascal Weber zu Besuch an jenem Ort, wo IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi das Kalifat ausgerufen hat – und wo er es wieder verloren hat.

Legende: Video Die Reportage aus Mossul abspielen. Laufzeit 07:01 Minuten.
Aus 10vor10 vom 19.12.2017.

Es war einmal das Wahrzeichen von Mosul. Das «Schiefe Minarett», oder «Manarat al-Hadba», und die al-Nuri-Moschee. Hier, in dieser Moschee mitten in der Altstadt von Mosul, hatte Abu Bakr al-Baghdadi Ende 2014 den «Islamischen Staat» (IS) ausgerufen. Jetzt ist es nur noch ein Steinhaufen, in die Luft gesprengt von den Terroristen des IS, für den irakischen Premierminister Haidar al-Abadi «das Eingeständnis der Niederlage».

Ma’ad Khaled Fatah ist im Schatten der Moschee aufgewachsen. Das Minarett und die Innenhöfe der Moschee waren sein Spielplatz. «Es war unser Zuhause. Hier haben wir gespielt. Hier hatten wir die ersten Schulstunden. Hier sind wir gross geworden.»

Minarett.
Legende: In der al-Nuri-Moschee hatte Abu Bakr al-Baghdadi das Kalifat ausgerufen. SRF/Pascal Weber

Al-Hadba und seine Moschee sind untrennbar verbunden mit Mosul und seinen Bewohnern. Heute ist dieses Stück Identität unwiderruflich verloren. «Selbst wenn das einst wieder aufgebaut werden sollte, wird es nie mehr dasselbe sein. Kein Handwerker kann heute mehr so bauen, kein Architekt so konstruieren.» So wie dem Minarett und seiner Moschee, so geht es auch den Menschen hier.

«Die Welt muss uns helfen»

Begleitet von einem Konvoi der irakischen Bundespolizei waren wir in die Altstadt von Mosul hineingefahren. Vor uns ein gepanzerter Geländewagen, hinter uns ein Humvee mit vier schwerbewaffneten Polizisten. Die irakische Führung fürchtet immer noch IS-Sympathisanten in den zerstörten Häusern der Stadt.

Die 5. Division der Federal Police unter Brigadier Hafth al-Taae soll Ruhe und Ordnung in diesen einst letzten Frontabschnitt dieses Krieges gegen den IS bringen. Und den Wiederaufbau vorantreiben: «Gott sei Dank haben wir alle Kräfte hier dazu gebracht, zusammenzuarbeiten, um die Trümmer und den Abfall wegzuräumen. Aber um das hier wieder aufzubauen, brauchen wir Hilfe von aussen. Die Welt muss uns helfen!»

Genau, ausser die Amerikaner helfen. Dann kommen die Leute vielleicht zurück!
Autor: Khalid Ahmad
Altstadt Mosul.
Legende: SRF-Korrespondent Pascal Weber in der Altstadt der irakischen Stadt Mosul. SRF/Pascal Weber

Vorerst helfen sich die Menschen selbst. Ein Lieferwagen, vollgepackt mit Möbeln und Matratzen und anderem Haushalt-Gerät, kommt aus einem Innenhof gefahren. Die Mosuli sammeln zusammen, was es noch zusammenzusammeln gibt. «Wir nehmen mit, was wir finden können. Es gibt einiges.» Ghazwan Subhe sitzt auf dem vollgepackten Lieferwagen.

Neben ihm springt Khalid Ahmad auf eine Matratze: «Aber die Häuser sind zerstört. Alles ist kaputt, alles liegt am Boden. Hier wird keiner mehr leben können, hierher kann man nicht zurückkommen. Alles ist kaputt.» «Ausser die Amerikaner helfen!» wirft Subhe ein. «Genau, ausser die Amerikaner helfen. Dann kommen die Leute vielleicht zurück!»

«Mein Vater wurde bei dem Angriff getötet»

Der Mann, in dessen Auftrag Subhe und Ahmad die Möbel abtransportieren, nimmt unsere Hand. Hazem Azawi will uns sein Haus zeigen. Oder besser: Das, was einst sein Haus gewesen ist. Über Steinhaufen klettern wir in die Ruinenlandschaft von Mossul hinein. «Das war mein Haus!» Hazem zeigt auf einen Trümmerhaufen, über dem wankend so etwas wie der Rest eines Daches schwankt. «Flugzeuge haben uns bombardiert.»

Pascal Weber im Gespräch.
Legende: Hazem Azawis zeigt im Gespräch mit Pascal Weber auf einen Trümmerhaufen: «Das war mein Haus.» SRF/Pascal Weber

«IS-Kämpfer hatten uns aus dem Haus gejagt, damit sie sich darin verstecken konnten. Sie haben in sich in unserem Haus versteckt, sind raus um zu kämpfen, und sind danach wieder zurückgekommen. Dann kam der Luftschlag.» Hazems Familie hatte Glück: Nur ein Onkel wurde leicht verletzt. Die Familie seines Freundes Mahmoud hatte weniger Glück. «Mein Vater wurde bei dem Angriff getötet. Und der kleine Bub meines Bruders. Drei Monate alt war er. Es sind viele gestorben hier.»

Er war es, der uns hier festgehalten hat. Eingesperrt hat er uns. Und auf jeden geschossen, der wegrennen wollte. Dann hat ihn ein Luftangriff getötet.
Autor: Mahmoud

Wie viele Menschen in den letzten Tagen der Schlacht gegen den IS gestorben sind, weiss niemand. Die von Journalisten betriebene Organisation «Airwars, Link öffnet in einem neuen Fenster» schätzt die Zahl der durch alliierte Luftangriffe und Artillerie unschuldig ums Leben gekommenen Zivilisten im Irak und in Syrien Mitte Dezember auf mindestens 5975 (Stand 14. Dezember 2017).

Hazem und Mahmoud führen uns weiter durch die verwinkelten Gassen der Altstadt. Hier hatte sich die irakische Armee nicht nur von Haus zu Haus, sondern von Zimmer zu Zimmer vorkämpfen müssen. Sie führen uns in einen Hinterhof. Plötzlich stehen wir vor einer halb verrotteten Leiche: «Das war einer vom IS.»

Mahmoud hält sich den Pullover vor Mund und Nase. «Er war es, der uns hier festgehalten hat. Eingesperrt hat er uns. Und auf jeden geschossen, der wegrennen wollte. Dann hat ihn ein Luftangriff getötet.» Die Vorstellung, was sich hier abgespielt hat, ist genauso schrecklich wie der Gestank.

Legende: Video Pascal Weber: «Ich befürchte, dass man den gleichen Fehler macht» abspielen. Laufzeit 03:34 Minuten.
Aus 10vor10 vom 19.12.2017.

IS ist militärisch besiegt

Wir schauen zu, dass wir schnell wegkommen. «Wir verlangen nicht viel!» Mahmoud atmet tief durch. «Wir wollen nur, dass uns die Welt hilft, die Infrastruktur wieder aufzubauen. Die Trümmer wegräumen, und uns die wichtigsten Dinge geben, damit wir unsere Häuser wieder aufbauen können. Die Leute wollen zurück!»

Militärisch ist der IS besiegt in Mosul. Aber wenn es nicht gelingt, den Menschen hier eine Zukunftsperspektive zu bieten, brauchen die Terroristen nur ruhig abzuwarten – um in ein paar Jahren erneut den Nährboden zu finden, den sie brauchen, um ihre Ideologien verbreiten zu können.

Legende: Video Aws: «Es ist schön, wieder zurück zu sein» abspielen. Laufzeit 00:13 Minuten.
Aus News-Clip vom 18.12.2017.

«Der IS wollte alles Wissen auslöschen»

Für eine positive Zukunftsperspektive kämpfen viele Studenten. Sie versuchen, ihre Universität in Mosul zurückzuerobern. In den Räumen der Universität baute der IS Bomben, trainierte seine Kämpfer, die mit ihren Familien da wohnten.

Saffa Aws sitzt in der Herbstsonne auf einem kleinen Mäuerchen und sinnt vor sich hin. «Es ist schön, wieder zurück zu sein. Aber eigentlich ist es kein Platz mehr, um zu studieren! Kein Ort, um zu denken!» Saffa Aws studiert Pädagogik im vierten Jahr. «Aber klar, wir Studenten wollen wieder hier sein, deshalb kommen wir zurück. Allen Widrigkeiten zum Trotz.»

Im Hintergrund steht die berühmte Bibliothek der Universität. Sie war einst die zweitgrösste im Land. Heute ist sie ausgebrannt. «Der IS wollte alles Wissen auslöschen. Er wollte die Zivilisation auslöschen. Deshalb hat er als erstes unsere Bibliothek in Brand gesteckt. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel wertvolles Wissen darin verbrannte.» Heute versucht die Universität über internationale Hilfe, wieder Bücher anzuschaffen.

Wir werden Jahre brauchen, bis wir uns von all dem, was passiert ist, erholt haben.
Autor: Ahmad Hassan Jarges

Ahmad Hassan Jarges will uns sein Institut zeigen. Er ist Professor und Dekan des französischen Institutes der Universität. «Wir haben diese Wände eigenhändig neu gestrichen. Ich, ein paar Professoren-Kollegen und einige meiner Studenten.» Als sie nach der Niederlage des IS in ihre Hörsäle zurückgekommen sind, waren diese meist ausgebrannt. Was der IS in seinem Institut gemacht hat, weiss Jarges nicht. Er will es auch gar nicht wissen. Aber eines weiss er zu gut: «Wir werden Jahre brauchen, bis wir uns von all dem, was passiert ist, erholt haben.»

Legende: Video Jarges: «Wir müssen wieder lernen, tolerant zu sein» abspielen. Laufzeit 00:52 Minuten.
Aus News-Clip vom 18.12.2017.

Denn der Schmerz sitze tief, sagt Jarges: «Wir müssen wieder lernen, tolerant zu sein. Aber das ist nicht einfach. Viele sind nicht bereit, wieder tolerant zu sein. Viele haben Angehörige verloren. Manche Toten liegen noch immer unter den Trümmern. Was wollen Sie diesen Menschen von Toleranz erzählen? Sie können reden, aber das umzusetzen? Schwierig...»

Lokaler Nährboden war vorhanden

In einem der Hörsäle sitzen vier Studenten zusammen. «Ich war unglücklich. Diese drei Jahre unter der Herrschaft des IS...» Abdullah Askandr studiert französische Literatur. Drei Jahre lang hatte er nichts anderes tun können, als zuhause zu sitzen und so wenig wie möglich aufzufallen.

Jetzt können die Studenten von Mosul wenigstens wieder frei miteinander diskutieren. «Um die Ideologie des IS von Grund auf auszumerzen, brauchen wir Hilfe von aussen. Alleine schaffen wir das nicht.» Denn der IS in Mosul, das war nicht nur eine Horde von Terroristen – das war auch ein lokaler Nährboden, der den Terroristen erst ermöglicht hatte, hier Fuss zu fassen.

Legende: Video Askandr: «Alleine schaffen wir das nicht» abspielen. Laufzeit 00:17 Minuten.
Aus News-Clip vom 18.12.2017.

«Das geht mich nichts an, das betrifft mich nicht.» Mit dieser Haltung seien die Einwohner von Mosul in den Jahren vor dem IS durchs Leben gegangen, erzählt Jarges. «Das war ein riesiger Fehler. Und wir haben teuer dafür bezahlt.» Aber so sei es gewesen. «Der IS und auch Al-Kaida waren schon lange vor 2014 in der Stadt. Wir wussten, wer sie waren. Aber wir Mosuli haben quasi gemeinsam beschlossen, das einfach als ‹das betrifft mich nicht› abzutun. Und wir konnten auch nicht viel tun. Wenn einer vom IS im Streit jemanden erschossen hat, dann hat die Polizei nicht eingegriffen.»

Wie viele der Einwohner von Mosul bis heute mit dem IS sympathisieren, weiss niemand. Die Sicherheitskräfte fürchten Schläferzellen. Jarges hingegen ist überzeugt, dass die Ideologie des IS keine Anziehungskraft mehr hat in Mosul. «Der Tag der Befreiung, das war der Tag, an dem ich wiedergeboren wurde.» Und so wie ihm sei es allen gegangen, die den IS überlebt hätten.

Legende: Video Jarges: «Das war ein riesiger Fehler» abspielen. Laufzeit 00:23 Minuten.
Aus News-Clip vom 18.12.2017.

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Legende:Die Terrormiliz IS hat einen Grossteil seiner eroberten Gebiete in Syrien und Irak wieder verloren.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Josephk Ernstk (Joseph ernst)
    Vollkommen abwegig von "völkerrechtskomformen Verhalten und legitimen Stabilität" zu sprechen. Assad ein Menschenschlächter der gegen die eigene Bevölkerung Giftgas einsetzte. Russland hat sein Ziel erreicht, es ging Putin lediglich um russische (persönliche) Interessen ! Blauäugigkeit ist realitätsfremd !
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  • Kommentar von Luzius Brotbeck (LuziBrot)
    Frage mich, warum vornehmlich von "Alliierten" gesprochen und warum die Mindestanzahl erwähnt wird, statt das Kind beim Namen zu nennen. Es ist die US-Koalition inkl. NATO- & Golfstaaten, welche laut Airwars.org zw. Aug. 2014 & Dez. 2017 bei über 28'500 Luftangriffe (mind. 70% davon durch USA), mit über 104'000 Raken & Bomben, mind. 5'975 bis 9,114 Zivilisten in Irak & Syrien (v.a. in Mossul & Rakka) töteten (ähnlich viele Opfer wie durch russ. Luftangriffe in Syrien). Vgl. auch ARD Monitor.
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  • Kommentar von Josephk Ernstk (Joseph ernst)
    Eine pauschale Verurteilung der USA ist zu einfach. Die Russen unterstützen den syrischen Machthaber mit dem Ziel in der Gegend ihren Einfluss zu etablieren und wieder Weltmacht zu werden. Die Taktik scheint aufgegangen zu sein, obwohl auch hier grosse Verluste der Zivilbevölkerung zu beklagen sind ! Auch Putin ist kein Friedensengel !
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    1. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      Was wäre aus Syrien geworden, wenn Assad gestürzt worden wäre? Haben die USA jemals im nahen Osten Frieden gebracht? Was ist aus den Ländern geworden, die von den USA "befreit" wurden (Irak, Libyen)? Putin ist kein Friedensengel, er hat sich aber in Syrien völkerrechtskonform gegen die Agressoren eingesetzt auf die Seite der legitimen, Stabilität versprechenden Regierung. Unter dieser war Syrien ein gut gehender säkulärer Staat, im Gegensatz zu den Golfstaaten der Anti-Assad Koalition.
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