Rodrigo Duterte – der Trump der Philippinen

Er verhöhnt Vergewaltigungsopfer, nennt den Papst einen Hurensohn, fordert öffentliche Hinrichtungen – und er wird vermutlich der neue Präsident der Philippinen: Rodrigo Duterte. Denn für die Armen ist er ein Held.

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Hardliner Duterte gewinnt Wahl

1:04 min, aus Tagesschau vom 9.5.2016

SRF News: Manfred Rist, wer ist der Präsidentschaftskandidat Rodrigo Duterte?

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Manfred Rist

Rist studierte Wirtschaft und arbeitete anschliessend bei einem Marktforschungs-Unternehmen, bevor er als Journalist tätig wurde. Ab 1990 war er Korrespondent der «NZZ» für Brüssel, danach Korrespondent in Singapur und Frankreich. Zurzeit berichtet er aus den Philippinen.

Manfred Rist: Duterte ist kein Name, der unter den zweihundert einflussreichsten Familien auf den Philippinen auftaucht, im Gegensatz zu allen andern Kandidaten. Duterte ist seit über 20 Jahren Bürgermeister der Stadt Davao in Mindanao im Süden der Philippinen. Er ist berüchtigt, aber er hat Erfolg, das muss man ihm lassen. Er hat aus Davao eine sichere, prosperierende Stadt gemacht, aber eben mit eiserner Hand und unzimperlichen Mitteln.

«  Duterte ist in den Augen vieler gewissermassen ein Messias geworden. »

Mit welchen Mitteln denn?

Er hat resolut gegen die Korruption gekämpft. Dadurch ist er in den Augen vieler gewissermassen ein Messias geworden. Er ist auch hart gegen kriminelle Banden und Drogenhändler vorgegangen. Er setzte Todesschwadronen auf sie an und hat sie im wahrsten Sinne des Wortes eliminieren lassen.

Sie haben Duterte letzten August persönlich getroffen. Wie hat er damals auf Sie gewirkt?

Er ist auf den ersten Blick überhaupt keine imposante Figur. Man muss ihn fast suchen unter den Leuten. Wenn er öffentlich auftritt, fasziniert er durch seine schnoddrigen Witze und anzüglichen Bemerkungen. Er ist ein grosser Rhetoriker, und überhaupt ist alles darauf ausgerichtet, die Missstände auf den Philippinen zu überzeichnen, zum Beispiel den Gegensatz zwischen Arm und Reich, die Kriminalität und die Korruption. Er spielt mit diesen Argumenten.

Im persönlichen Gespräch macht er eher auf Understatement. Er wirkt ruhig, aber auch recht oberflächlich. Es fällt auf, dass er für alles ziemlich einfache Antworten hat. Er machte auf mich auch einen etwas ausgebrannten Eindruck. Als ich hörte, dass er Präsident werden will, fragte ich mich, woher er die Energie nimmt.

Wie würde er als Präsident gegen die Kriminalität vorgehen? Würde er denselben Kurs fahren wie in Davao?

Genau das hat er versprochen. Er will aufräumen, mit alten Strukturen brechen und deshalb ist er zurzeit auch der Feind Nummer eins der herrschenden Elite in Manila. Aber der Inselstaat mit einer Bevölkerung von über 100 Millionen Menschen ist etwas ganz anderes als die relativ kleine Stadt Davao. Es ist, wie wenn einer 20 Jahre lang Bürgermeister von Lugano gewesen wäre und sich nun aufmachen würde, Bundesrat sowie Bundespräsident in einem zu werden.

Duterte ist, und das muss man sagen, im kommunistischen Untergrund vor allem im Süden der Philippen akzeptiert. Auch von muslimischen Widerstandsgruppen in Davao ist er anerkannt.

«  Er setzt Todesschwadronen auf kriminelle Banden und Drogenhändler an und lässt sie eliminieren. »

Aber wie er mit der herrschenden Klasse im Land umgehen will, wo Familien-Clans die Herrschaftsstrukturen dominieren, und wie er sich mit dem Militär und der Industrie stellt, darauf hat er bis jetzt keine Antworten gegeben.

Was sagt die Beliebtheit Dutertes über die anderen Kandidaten aus?

Im Vergleich zu ihm sind alle anderen Kandidaten Langweiler. Was nicht heissen soll, dass sie schlechter sind. Im Gegenteil: der jetzige Präsident Benigno Aquino III. zum Beispiel hat wirtschaftlich gesehen eine sehr vernünftige Politik betrieben, vor allem war er berechenbar.

Grace Poe, eine andere Kandidatin, würde ebenfalls sicherlich für Stabilität und Kontinuität und eben Berechenbarkeit sorgen. Aber auch Poe kann die Massen nicht begeistern. Ihr haftet auch der Verdacht an, dass die Reichen im Land noch reicher werden und dass die Interessenklüngel undurchsichtig bleiben und sich am Wohlstandsgefälle nichts ändern wird.

Wie gross schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass Duterte der nächste Präsident der Philippinen sein wird?

In den Umfragen ist es eindeutig. Duterte führt, er hat ungefähr 35 Prozent der Wählergunst hinter sich. Das entspricht einem Vorsprung von über fünf Millionen Stimmen, und das sollte eigentlich ausreichen. Aber die einflussreichen Kräfte unternehmen zurzeit alles, um ihn zu stoppen. Dazu gehören auch Wahlbetrug und die Tatsache, dass man die Wahlergebnisse anfechten wird. Und falls Duterte wirklich gewählt werden sollte, wird man versuchen, ihn schnellstmöglich zu stürzen.

Wann wird man das Resultat der Wahl kennen?

Erste Hochrechnungen werden in der Nacht von Montag auf Dienstag erwartet. Bis das Endresultat bekannt ist, dauert es ungefähr eine Woche. Die Philippinen sind ein Archipel mit 7107 Inseln.

Das Gespräch führte Iwan Santoro.

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    Karin Wenger