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Krieg in der Ostukraine «Russland schaut zu, wie sich die Ukrainer zerfleischen»

Der Krieg in der Ostukraine wird mehr und mehr zu einem Wirtschaftskrieg. Inzwischen werden auch Bahnlinien blockiert. Welche Folgen das hat, sagt SRF-Korrespondent David Nauer.

Legende: Audio David Nauer: «Russland profitiert von der Situation» abspielen. Laufzeit 05:20 Minuten.
05:20 min, aus SRF 4 News aktuell vom 03.03.2017.

Diese Woche hat die Führung der pro-russischen Donezk-Region 40 ukrainische Firmen unter ihre Kontrolle gebracht. Diese Firmen, die bisher Steuern nach Kiew zahlten, würden nun zwangsverwaltet, hiess es von den Separatisten. Ausgelöst wurde dieser Wirtschaftskrieg durch blockierte Bahngeleise. Seit einigen Wochen kommen deshalb unter anderem keine Kohlelieferungen mehr in die Westukraine.

SRF News: Wer sind diese Blockierer?

David Nauer: Ehemalige Frontsoldaten und zum Teil auch Leute, die in Freiwilligen-Bataillonen gegen die Separatisten gekämpft haben. Dazu kommen radikale ukrainisch-nationalistische Extremisten. Es sind nicht marginale oder isolierte Figuren: Sie haben auch Unterstützung von nationalistischen Abgeordneten im Parlament in Kiew. Sie sind ziemlich gut vernetzt.

Was wollen sie erreichen? Was sind ihre Argumente?

Ihr Schlachtruf ist: «Wir machen keine Geschäfte mit den Besatzern.» Sie betrachten die Separatisten als reine Marionetten Moskaus, die man nicht auch noch mit ukrainischem Geld finanzieren soll. Der Zorn der Blockierer richtet sich aber auch gegen die eigene Elite in Kiew. Sie sagen, es gebe sehr einflussreiche Leute auf der ukrainischen Seite, die vom Schmuggel über die Front profitierten. Das sei auch einer der Gründe, weshalb der Krieg immer weiter andauere.

Es droht ein ernsthafter Stromengpass im Land.

Was bedeuten die Blockaden für die ukrainische Wirtschaft?

Die Folgen könnten langfristig verheerend sein. Experten schätzen, dass die ukrainische Wirtschaft Milliarden von Dollar verlieren könnte. Zehntausenden Menschen drohe Arbeitslosigkeit. Das Hauptproblem: Die Ukraine ist auf Kohle aus den Separatistengebieten angewiesen, um Strom zu produzieren. Im Moment haben die Elektrizitätswerke noch ausreichend Vorräte. Aber in wenigen Wochen könnten diese aufgebraucht sein. Dann droht ein sehr ernsthafter Stromengpass im Land.

Die ukrainische Regierung in Kiew ist damit in einem Dilemma – es sind ja eigentlich «eigene» Leute, die hier den Handel mit dem Feind blockieren...

Sie ist in einer schwierigen Lage. Diese Blockade gewaltsam aufzulösen, wäre ziemlich riskant. Diese Blockierer sind recht radikal und wissen, wie man mit Waffen umgeht. Es gibt zu Recht die Befürchtung, dass es zu sehr wüsten, blutigen Kämpfen kommen könnte. Gleichzeitig droht aber dieser enorme wirtschaftliche Schaden. Deshalb gibt es nun vermehrt auch Stimmen in Kiew, die sagen, «wir müssen diese Blockade räumen, notfalls mit Gewalt». Das ist sinnbildlich für das ganze Land. Man weiss einfach nicht, wie man mit den Separatisten umgehen soll.

Moskau kann zuschauen, wie die Ukrainer aufeinander losgehen und sich zerfleischen.

Wie hängt dieser wirtschaftliche Aspekt des Konflikts mit dem militärisch-politischen zusammen?

Die Blockade zeigt wie ein Brennglas auf den Kern des Konflikts. Es gibt in der Ukraine relativ starke Kräfte, die das umkämpfte Gebiet, den Donbass, am liebsten abstossen möchten. Diese denken, mit einer totalen Blockade sei das Problem gelöst. Andere Kräfte wiederum sagen, das sei sehr kurzsichtig. Denn die Infrastruktur des besetzten Teils der Ukraine ist eng mit dem Rest des Landes verbunden. Zudem leben in den Gebieten auch ukrainische Staatsbürger, die nichts für diesen Konflikt können. Die Regierung in Kiew weiss das alles, und fährt eine Art Mittelweg. Sie führt einerseits Krieg gegen die Separatisten, versucht aber trotzdem, einen einigermassen pragmatischen Umgang in wirtschaftlichen Fragen zu finden. Am meisten profitiert davon Russland. Der Kreml hat mit seiner militärischen Unterstützung die Separatisten in die Lage gebracht, Gebiete zu erobern. Nun kann Moskau zuschauen, wie die Ukrainer aufeinander losgehen und sich zerfleischen.

Das Gespräch führte Tina Herren.

David Nauer

David Nauer

David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

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35 Kommentare

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  • Kommentar von Jacqueline Zwahlen (Jacqueline Zwahlen)
    Was genau wird hier eigentlich von Russland erwartet? Soll Putin etwa Truppen schicken gegen das braune Gesocks und Poroschenko die Arbeit abnehmen? Ihn von seinen eigenen Schergen befreien, oder wie? Die ukrainische Regierung liess sich viel zu lange von diesen Nazi-Battaillonen bedienen, und nun führen diese Kiew vor. Dumm gelaufen. Noch dümmer, dass unter anderem auch Putin genau davor längt gewarnt hat und die Geldgeber im Westen beharrlich weggesehen haben.
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Auch wenn in Kiew dramatische Fehler gemacht wurden: Ich denke wenn RU die Finger von der Ostukraine lassen könnte, wären die Erwartungen erfüllt.
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    2. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Aber die USA/EU darf ihre Finger in der Westukraine haben? Man sollte nicht immer "Untaten" auf einer Seite goutieren, auf der anderen dieselben verurteilen. Ohne Einmischung des Westen, gäbe es diesen Bürgerkrieg in der Ukraine nicht. Genauso, wie es viele andere Kriege auch nicht gäbe. Jedes Land sollte seine Angelegenheiten generell ohne Einmischung Dritter selber regeln.
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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Im obigen Titel kann man Russland durch USA ersetzen ist wahrscheinlich weit näher bei der Realität. Den USA war es schon öfters egal oder sogar recht, wenn sich verschiedene Gruppen zerfleischten, nachdem sie Konflikte befeuerten. Solange sie ihre gierigen Finger auf den Schätzen der Länder halten konnten, war das Wohl der "Befreiten" nebensächlich. Die USA besitzt eine grosse CIA-Außenstelle in Kiew, eröffnet kurz nach dem Maidan-Umsturz.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Kiew macht viele Fehler. Zuerst wurde die russische Minderheit unterdrückt, dann wurde durch westlichen Einfluss ein Regime-Change vorgenommen und schliesslich wird nun die Infrastruktur an Investoren aus dem Westen verscherbelt... Aber in einer Schlagzeile wie "Russland schaut zu, wie sich die Ukrainer zerfleischen" soll das Feindbild gegen Russland weiter zementiert. Tatsache ist, dass Renten nach Donezk und Lugansk nicht aus Kiew gezahlt werden, sondern aus Russland.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Ja & leider wird nicht, od. wenig darüber berichtet, wie es den Ostukrainern geht, wenn Kiew ihnen die Renten nicht mehr zahlt, es in Krankenhäusern durch Boykotte der Regierung an allem fehlt & die Menschen nicht mehr gut versorgt werden können. Also persönlich nenne es das "Ausbluten" der Ostukraine durch den Westen.
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