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International Russland und Türkei proben die Annäherung

Vom Westen hat sich der türkische Staatschef Erdogan für sein Durchgreifen nach dem gescheiterten Putschversuch viel Kritik anhören müssen – vom russischen Präsidenten Putin nicht. Bei einem Treffen in St. Petersburg rücken Ankara und Moskau wieder enger zusammen.

Legende: Video Erdogan besucht Putin abspielen. Laufzeit 01:19 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 09.08.2016.

Russland und die Türkei haben nach monatelangem Streit einen Neubeginn ihrer Beziehungen vereinbart. Das sagten Kremlchef Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach einem Treffen in St. Petersburg. «Wir wollen die Wiederherstellung der Beziehungen mit der Türkei in vollem Umfang und werden es machen», sagte der russische Präsident.

Legende: Video Einschätzungen aus Moskau und Ankara abspielen. Laufzeit 04:32 Minuten.
Aus Tagesschau vom 09.08.2016.

Das Treffen in Putins Heimatstadt sollte das bilaterale Verhältnis wieder festigen, das seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei Ende November zerrüttet war. Putin nannte den Vorfall eine «Tragödie». Aber die Wiederaufnahme der Beziehungen sei im Interesse des türkischen wie des russischen Volkes.

Erdogan sagte: «Ich glaube daran, dass wir mit diesem Schritt und zukünftigen Schritten in eine ganz andere Phase eintreten.» Nach dem monatelangen Austausch von Beleidigungen nannte Erdogan Putin vor laufenden Kameras zweimal «mein geschätzter Freund.»

«Putin macht Türkei glücklich»

Für Erdogan war der Besuch in der früheren Zarenmetropole die erste Auslandsreise seit dem Putschversuch vom 15. Juli. Putin stärkte seinem türkischen Kollegen demonstrativ den Rücken. Russland verurteile jeden Versuch verfassungswidriger Umstürze, sagte er.

Erdogan sagte, Putins Rückendeckung habe «auch unser Volk glücklich gemacht». Der türkische Präsident kritisierte dagegen die mangelnde Solidarität des Westens.

Syrien-Konflikt mit demokratischen Mitteln beilegen

Die Staatschefs berieten rund zwei Stunden im kleinen Kreis, wie die russische Agentur Tass meldete. Zu den Delegationen gehörten auch ranghohe Militärs und Geheimdienstler, die mit dem Krieg in Syrien befasst sind.

Russland unterstützt in Syrien Präsident Baschar al-Assad, die Türkei fordert seinen Abschied. «Demokratische Änderungen in Syrien sind nur mit demokratischen Mitteln zu erreichen», bekräftigte der Kremlchef.

Einig im Kampf gegen Terrorismus

Wegen des Abschusses eines russischen Kampfjets durch die Türkei herrschte monatelange Eiszeit zwischen Ankara und Moskau. Ende Juni bedauerte Erdogan den Vorfall und machte damit den Weg für den Neustart der Beziehungen frei. Beim Treffen in St. Petersburg soll es unter anderem um die Aufhebung von Sanktionen gehen, die Russland Ende November verhängte.

«Wir haben heute eine Möglichkeit, im engen und im grossen Kreis, über den ganzen Komplex unserer Beziehungen zu sprechen. Einschliesslich über die Wiederherstellung der Handelsbeziehungen und den Kampf gegen den Terrorismus», sagte Putin. «Ich bin sehr froh über diese Möglichkeiten.»

Türkische Tourismusbranche hofft auf Annäherung

Die Türkei erhoffte sich von dem Treffen ein Ende von Sanktionen. Diese könnten bis zum Jahresende aufgehoben werden, sagte der russische Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew.

Für die angeschlagene türkische Tourismusbranche ist die Wiederannäherung wichtig, weil Russen vor der Krise zu den grössten Urlaubergruppen gehörten. Danach brachen die Besucherzahlen aber fast völlig ein. Diesen Trend umzukehren, sei nur eine Frage der Zeit, meinte Putin.

Ankara will raus aus der Krise

Die türkische Führung versuchte vor der Reise Sorgen zu zerstreuen, Erdogans Besuch könnte eine Abkehr des Nato-Landes von Europa bedeuten. «Nur weil man Putin besucht, bedeutet das nicht, dass man sich von der EU abwendet», hiess es aus Regierungskreisen. Hauptziel sei, die Krise zu überwinden.

Einschätzungen von SRF-Korrespondent David Nauer in Moskau

Zum «Neustart» der Beziehungen
«Während Erdogan von einer ‹neuen Epoche› in den Beziehungen spricht, ist man in Russland nicht ganz so überschwänglich. Allerdings sieht man die Annäherung an die Türkei in Moskau auch als grosse Chance: Die Türkei entfremdet sich gerade ziemlich vom Westen, wird immer autoritärer. Langfristig will sich Russland als neuer Verbündeter anbieten.»
Zu den widerstrebenden Interessen in Syrien
, Link öffnet in einem neuen Fenster
«Die Türkei möchte Assad weg haben, Russland ist sein treuester Verbündeter. Das ist tatsächlich ein grosses Problem. Die Lage und das Kräfteverhältnis in Syrien haben sich aber geändert. Russische Jets bomben der Armee von Assad regelrecht den Weg frei. Die Türkei dagegen hat massive innenpolitische Probleme. In Moskau spekuliert man deswegen darauf, dass Erdogan in Sachen Syrien bald einlenkt.»

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40 Kommentare

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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    R. Erdogan gehört allem Anschein nach zu der Spezies, bei der kumulierte Macht im Handumdrehen das Gefühl göttlicher Allmacht und das Bewusstsein der Unersetzlichkeit auslöst. Die seit 100 Jahren von den Angelsachsen vielfach geschundenen Türken haben in ihrem Autokraten aber erstmals wieder eine starke Identifikationsfigur. Da der Autokrat allerdings strukturell überfordert zu sein scheint, wird das leider nicht gut gehen.
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    1. Antwort von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
      2) Man treibt die Türken allerdings durch Verurteilung, Besserwisserei oder Lächerlichmachen weiter in trotzige Selbstisolierung. Die aktuelle Rücknahme der albernen Strafanzeigen könnte aber ein Anzeichen dafür sein, dass er sich jüngst eine Portion Pragmatismus im Umgang mit der "westlichen" Erregungskultur abgeschaut hat.
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  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Hier gehts eindeutig nur um Wirtschaftsinteressen. Oelpeline für TR - Nahrungsmittel für RU. Beide brauchen Geld für ihre Wirtschaft. Vielleicht will Putin durch die Hintertür mit Hilfe der Türkei Waren aus der EU beschaffen, die er zurzeit wegen den Wirtschaftssanktionen gegen Russland nicht bekommt. So umgeht er den Boykott. Putin ist ein schlauer Fuchs. Erdogan braucht russische Touristen da der Tourimous am Boden liegt.
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    1. Antwort von Aytac Dogan (1923)
      Natürlich gehts um diese, wieso denn auch nicht? Wenn die Türkei, weil sie eben die TÜRKEI ist und nicht zum Christen-Club gehört Ihre Ware, die meistens eine bessere Qualität aufweisen als in anderen EU-Länder, nur zu einem Bruchteil verkaufen oder exportieren kann/darf, ja dann muss man halt andere Freunde finden, wohl oder übel! Aber glauben Sie mir, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht, wo man "politisch korrekt" über Leichen geht, dann steht der Westen ganz oben auf der Liste!
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  • Kommentar von D. Schmidel (D. Schmidel)
    Es ist die Begegnung der Hoffnungslosen und Zukunftslosen und Ewiggestrigen.
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    1. Antwort von Aytac Dogan (1923)
      Sehr gut Herr Schmidel, in meinen Augen passen Sie mit Ihrem Kommentar genau in das Bild der EU und deren Denkweise. Bei Stange halten ohne wirklich nur eine fruchtbare, aktive und wirtschaftliche Annäherung anzupeilen... die Türkei, ein Land, das eigentlich ein Nachbar der Christen ist und eine Hand braucht, die hilft (wie es ja unter dem EU-Christen-Club üblich ist) und dann solche Kommentare vom Sofa aus schreiben und mit dem Finger herabschauend zum Ausdruck bringen. Passt wunderbar, super!
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