Salmans Hypothek im eigenen Land

Nach der Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen in Saudi-Arabien und der Erstürmung der saudischen Botschaft in Teheran brodelt es im Nahen Osten. Aussenpolitisch ist die Lage mehr als angespannt. Doch für das saudische Herrscherhaus könnte sie auch innenpolitisch brisant werden.

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Saudi-Arabien kappt die Beziehungen zum Iran

4:28 min, aus 10vor10 vom 4.1.2016

Die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr im sunnitisch dominierten Saudi-Arabien hat den Machtkampf zwischen den beiden grossen regionalen Kräften Iran und Saudi-Arabien verschärft. Neben den diplomatischen will Saudi-Arabien nun auch offenbar alle wirtschaftlichen Beziehungen zum Iran abbrechen.

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8:33 min, aus Echo der Zeit vom 04.01.2016

Machtdemonstration des Königshauses

Mit der Hinrichtung des Geistlichen wolle der saudische König Salman in erster Linie sicherstellen, dass sich seine Familienlinie auch nach seinem Tod durchsetzen werde, sagt Henner Fürtig, Direktor des GIGA-Instituts für Nahoststudien. «Salman will vor allem die Macht der Familie demonstrieren und zeigen, dass sie auch in der Innenpolitik absolut Herr der Lage ist und dass es sich nicht lohnt, gegen die Herrschaft der Saud aufzubegehren.»

Fürtig weist darauf hin, dass es sich bei der Mehrheit der hingerichteten Personen nicht um Schiiten, sondern um Inhaftierte der grossen Terroraktionen von 2003 bis 2006 handelt. Die anti-schiitische Richtung, welche sich aus der Aktion abzeichne, sei deshalb fast schon als eine Art Kollateralschaden anzusehen.

Den saudischen Herrschern sei jedoch mit Sicherheit bewusst gewesen, dass die Hinrichtung Nimr al-Nimrs einen Aufschrei der Empörung in der Region hervorrufen werde. «Man wollte gegenüber Iran Stärke demonstrieren und zeigen, dass man die Rivalität ganz bewusst auslebt und sie sogar eskalieren lassen will», erklärt Fürtig.

Nahaufnahme von König Salman. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Will die Macht seiner Familie demonstrieren: König Salman. Reuters

Machtmittel der schiitischen Arbeiter

Nebst dem Anschüren des Konflikts mit dem Iran könnte dem saudischen Herrscherhaus aber nun auch innenpolitisch ein rauerer Wind entgegenwehen – hat doch die schiitische Minderheit im Land ein gewisses Machtmittel in der Hinterhand: In der saudischen Erdölindustrie stellen die Schiiten die Hauptarbeiterschaft.

«Mir ist nicht klar, ob König Salman wirklich bewusst ist, was für eine Gefahr er damit heraufbeschwört», fragt sich Fürtig. Denn wenn die Schiiten einen Generalstreik ausriefen, würde die Erdölindustrie still stehen.

Saudi-Arabien verteidigt Massenhinrichtung

Saudi-Arabien hat sich für die Hinrichtung von 47 Menschen wegen Terrorismus-Vorwürfen gerechtfertigt. Die Angeklagten hätten ein faires Verfahren gehabt, bei dem ihre religiöse Zugehörigkeit keine Rolle gespielt habe, sagte der UNO-Botschafter Saudi Arabiens, Abdallah al-Mualimi in New York. Die Massenhinrichtung hat zu schweren Spannungen mit dem mehrheitlich schiitischen Iran geführt, da sich unter den Hingerichteten auch der schiitische Geistliche Nimr al-Nimr befand. Die Krise mit Iran werde keine Auswirkungen auf die Friedensbemühungen in Syrien und in Jemen haben, fügte al-Mualimi an. Saudi-Arabien werde die nächste Runde der Friedensgespräche zu Syrien nicht boykottieren.

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