Chinesisches Neujahrsfest Scheinehe – die Lebenslüge von Homosexuellen in China

Für Schwule und Lesben ist Neujahr die schlimmste Zeit des Jahres, wenn sie ohne «richtigen» Partner nach Hause kommen.

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Weshalb Chinas Homosexuelle Neujahr fürchten

4:13 min, aus 10vor10 vom 26.1.2017

So wichtig wie Weihnachten im Westen: Wenn dieses Jahr am 28. Januar in China das Jahr des Hahns anfängt, dann beginnt vor dem chinesischen Neujahrsfest auch die wichtigste Ferienreisezeit, um die Familie zu besuchen. Aber nicht allen ist dann zum Feiern zumute. Für Schwule und Lesben ist Neujahr die emotional härteste Zeit des Jahres. Während die meisten zu ihren Eltern fahren, treffen sich Schwule und Lesben in Peking in einer Szenebar.

Ein Paar sitzt in einer Bar. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nur für die Familie gingen der schwule Mann und die lesbische Frau eine Scheinehe auf dem Papier ein. SRF

Der Druck der Eltern und Verwandten: Auch Ou Xiaobai ist über die Festtage lieber unter Gleichgesinnten: «Die Zeit um Neujahr ist für viele Junge sehr schwierig: Sie reisen nach Hause und stehen deshalb unter riesigem Druck von Eltern und Verwandten. Alle wollen nur eines wissen: Wann bringst du endlich einen Freund nach Hause, wann heiratest du endlich?»

Scheinehe für die Eltern: Ou Xiaobai ist selber lesbisch und kann es ihren Eltern nicht sagen. Um weitere Fragen zu vermeiden, hat sie sich zur grössten Lüge ihres Lebens entschlossen: Sie hat einen schwulen Mann geheiratet. Sie ist mit ihm eine Scheinheirat auf dem Papier eingegangen, nur um die Eltern zu beruhigen. «Wir haben geheiratet, weil wir dachten, es wäre das Einfachste. Wir sind danach zu unseren Eltern gefahren und dann waren zum ersten Mal alle glücklich. Das war es wert.»

Ein Mann zeigt auf das Smartphone, das ein anderer in der Hand hält. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die iHomo App soll es erleichtern, homosexuelle Bekanntschaften zu machen. SRF

iHomo App schafft Bekanntschaften: Aus ihrer Not hat Ou Xiaobai eine Tugend gemacht und dafür eine App kreiert. Damit sollen Schwule und Lesben zusammengeführt werden. «Ich habe die iHomo-App kreiert, um Leuten zu helfen, einen Partner zu finden für eine Scheinheirat. Aber einfach auch um die Leute zu unterstützen», erklärt Ou Xiaobai. Kurz vor dem chinesischen Neujahr explodieren die Downloadzahlen für die App. Das zeigt, wie schwer sich Chinas Gesellschaft mit dem Thema Homosexualität tut.

Geisteskrankheit und noch viel schlimmer: Offiziell wurde in China die gleichgeschlechtliche Liebe vor Kurzem von der Liste der Geisteskrankheiten gestrichen. Aber die grösste Diskriminierung erleben Homosexuelle immer noch innerhalb ihrer eigenen Familie, sagt Ying Xin, Leiterin des Zentrums für Schwule und Lesben in Peking: «Es gibt drei Punkte, die den Leuten in China zum Thema Homosexualität spontan einfallen: Es ist eine Geisteskrankheit, abnormal und alle sind sicher HIV-positiv und haben Aids.»

Ying Xin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ying Xin, Leiterin Schwulen und Lesben Zentrum Peking, kämpft gegen Klischees. SRF

Gegen Diskriminierung: Auch Sun Wenling und Hu Mingliang kämpfen gegen diese Klischees. Das berühmteste Schwulen-Paar Chinas dreht derzeit einen Werbefilm für mehr Rechte für Homosexuelle. Die beiden haben letztes Jahr vor Gericht um die Anerkennung ihrer Partnerschaft gekämpft, haben aber verloren. Ihre Geschichte machte landesweit Schlagzeilen.

Öffentliches Coming-Out: Unter Schwulen wird aber schon als Erfolg angesehen, dass die beiden Männer überhaupt noch öffentlich auftreten dürfen, um ihre Erfahrungen mit Gleichgesinnten zu teilen. So trat Sun Wenling zusammen mit seiner Mutter auf einem Podium auf und sprach über sein Coming-Out: «Ich weiss eigentlich nicht mehr, was mich damals bewegte. Ich hab's einfach irgendwann gesagt und niemand hat mich damals verstanden. Ich weiss deshalb sehr gut, wie wichtig in diesem Moment die Unterstützung der Familie ist.»

Hoffnung auf andere Zeiten: In China verstecken die meisten Homosexuellen ihre Neigung. Nur gerade fünf Prozent stehen offen dazu. Auch die App iHomo von Ou Xiaobai soll in China für mehr Offenheit werben: «Aber das dauert wohl noch mindestens 10 Jahre und bis dann sind Scheinehen wahrscheinlich immer noch die beste Lösung. Danach werde vielleicht sogar ich ganz natürlich ein volles Coming-Out haben.» Ou Xiybai schluckt auch dieses Jahr am Neujahrsfest noch einmal die bittere Pille ihrer Lebenslüge.