Tote Flüchtlinge in Österreich «Schliessen der Grenzen im vereinten Europa ist keine Option»

Seit der Tragödie mit den 71 erstickten Menschen habe sich nicht so viel verändert, sagt ein Beobachter.

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Bildlegende: Bernhard Odehnal, Journalist beim Tages-Anzeiger. Er hat über den Fund der Toten im Lastwagen 2015 eingehend berichtet. Tages-Anzeiger

Der Prozess gegen Mitglieder einer internationalen Schlepperbande läuft. Sie sollen den Tod von 71 Flüchtlingen verursacht haben, die im August 2015 in einem Lastwagen erstickt sind. Der Lastwagen wurde auf der Autobahn bei Parndorf in Österreich gefunden. Welche Auswirkungen die Tragödie auf den Umgang mit der Flüchtlingsproblematik hatte, erläutert der Journalist Bernhard Odehnal.

SRF News: Wie hat sich der Kampf gegen das Schlepperwesen in Europa seither verändert?

Bernhard Odenhal: Es gibt vielleicht etwas mehr Mittel, aber im Prinzip glaube ich nicht, dass er sich sehr verändert hat. Die Polizei tut, was sie kann, das tat sie aber damals auch schon. Man hat auch gesehen, dass das Schliessen der Grenzen in einem vereinten Europa keine Option ist, weil auch der Waren- und Personenverkehr zum Erliegen kommt. Was sich verändert hat, ist die Rhetorik der Politiker. Damals waren sie sehr still. Jetzt fordern sie wieder die Schliessung der Mittelmeerroute. Aber sie können nicht sagen, wie diese Schliessung vor sich gehen soll.

Nun stehen die mutmasslich verantwortlichen Schlepper vor Gericht. Wird dieser Prozess Auswirkungen auf das Schlepperwesen haben?

Nein, das glaube ich eigentlich nicht. Das Schlepperwesen kann man mit dem Drogenhandel vergleichen, und da sehen wir seit Jahrzehnten, dass selbst mit Grenzzäunen, hohen Strafen – selbst mit Androhung der Todesstrafe in manchen Ländern – der Drogenhandel nicht verhindert werden kann.

«  Das einzige, was das Schlepperwesen aufhalten kann, sind legale Wege nach Europa. »

Man wird auch das Schlepperwesen nicht unterbinden können. Das einzige, was das Schlepperwesen aufhalten kann, sind legale Wege nach Europa.

Einige Monate später wurde die Balkanroute gesperrt. Hat der Schock über das Schicksal dieser Flüchtlinge die europäische Migrations-Politik nachhaltig geprägt?

Der Schock über die Toten im LKW wurde sehr schnell von dem Schock über die Lebenden, die zu Hunderttausenden über die Balkanroute nach Europa kamen, abgelöst. Heute sind wir wieder dort, wo wir im August 2015 waren, bevor diese Toten gefunden wurden.

«  Die europäischen Staaten lassen Italien und Griechenland im Wesentlichen mit der Flüchtlingsproblematik alleine. »

Es ist eine Entsolidarisierung festzustellen. Die europäischen Staaten lassen Italien und Griechenland im Wesentlichen mit der Flüchtlingsproblematik alleine.

Das Gespräch führte Miriam Knecht.