«Schritt in die Moderne»: Afrikas Grenzen sollen fallen

Während Nationalisten in Europa neue Grenzen hochziehen wollen, geht Afrika den anderen Weg: Die Afrikanische Union will eine Art Schengen-Raum für den Kontinent schaffen. Doch die «Vereinigten Staaten von Afrika» bleiben eine Utopie.

Kind mit Mutter im Kongo. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das «Schengen für Afrika» könnte Handel und Personenverkehr auf dem schwarzen Kontinent neu beleben. Reuters/ARCHIV

«How good and pleasant it would be before god and man / Too see the unification of all Africans» – in «Africa Unite» besang Reggae-Legende Bob Marley den Traum von einem geeinten Afrika. Einem schwarzen Kontinent, der die Ketten kolonialer Unterdrückung für alle Zeiten sprengt – und seinen kulturellen und wirtschaftlichen Reichtum zur vollen Blüte bringt. Die Vision vom geeinten schwarzen Kontinent ist jedoch älter. Bereits 1923 schrieb der jamaikanische Publizist und Politiker Marcus Garvey das Gedicht «Hail! United States of Africa».

Gadhafi in Darfur 2006. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der libysche Diktator wollte sich als Vereiniger Afrikas unsterblich machen. Es sollte anders kommen. Reuters/ARCHIV

1963 versuchte die Vorläuferorganisation der Afrikanischen Union, die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU), die panafrikanische Utopie Realität werden zu lassen: «Entweder wir vereinigen uns, oder wir gehen zu Grunde!», beschwor Kwameh Nkrumah, der erste Präsident des freien Ghana, die afrikanischen Bruderstaaten.

Zur Jahrtausendwende war es der libysche Diktator Muammar Gaddafi, der die 54 unabhängigen Staaten Afrikas zu einer Einheit mit gemeinsamer Währung verschmelzen wollte. Es blieb, bis heute, bei einem Geflecht an Institutionen, die oft nicht mehr als Papiertiger sind.

Diskussionsforum statt Union

«Die Europäische Union und die Afrikanische Union (AU) sind ziemlich verschieden», sagt denn auch SRF-Afrika-Korrespondent Patrik Wülser. Bei der AU, der Versammlung der Staats- und Regierungschefs, handle sich es sich lediglich um einen politischen Interessenverbund, so Wülser: «Man trifft sich regelmässig und diskutiert. Aber das Gremium hat keine Durchschlagskraft.»

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Patrik Wülser

Porträt Patrik Wüsler.

Patrik Wülser ist Afrikakorrespondent für SRF und lebt mit seiner Familie seit 2011 in Nairobi (Kenia).

Diese zeigt das Bündnis allenfalls auf sicherheitspolitischer Ebene. Im Falle von Völkermord, Kriegsverbrechen oder krassen Menschenrechtsverletzungen macht die Afrikanische Union von ihrem Interventionsrecht Gebrauch – so etwa bei den Friedensmissionen in Somalia, Burundi oder Darfur. Von einer wirklichen politischen Union kann jedoch keine Rede sein.

Die Realitäten auf dem Kontinent seien einfach zu verschieden, erklärt Wülser: «Bürgerkriegsländer wie Burundi oder die Zentralafrikanische Republik haben schlichtweg andere Probleme als moderne Volkswirtschaften wie Südafrika oder Nigeria.» Der Traum, eine Milliarde Menschen, über 2000 Sprachen und ein Territorium mit 8000 Kilometern Ausdehnung von Tunis bis Kapstadt zu einen, bleibt also fern.

«  Freie Mobilität auf dem Kontinent wäre nicht nur ein Schritt, sondern ein grosser Sprung für Afrika. »

Ungleich bescheidener muten dagegen die Pläne an, den freien Personen- und Güterverkehr in Afrika einzuführen. Bis 2020 soll es soweit sein – ein ambitionierter Zeitplan angesichts der strukturellen Probleme vieler Länder. Nichtsdestotrotz: Die Bedeutung der afrikanischen Visafreiheit sei nicht zu unterschätzen, sagt Afrika-Korrespondent Wülser: «In vielen Ländern, etwa hier in Kenia, warten die Menschen allein ein bis zwei Jahre, bis sie überhaupt einen Pass erhalten – oft verbunden mit Schmiergeldern. Freie Mobilität auf dem Kontinent wäre nicht nur ein Schritt, sondern ein grosser Sprung für Afrika.»

Mit wirtschaftlicher Emanzipation vom Westen und China sei freilich nicht zu rechnen, so Wülser: «Aber für Afrika wäre der freie Personen- und Güterverkehr ein grosser Schritt in die Moderne.» Denn heute behinderten zahllose Grenz- und Zollformalitäten den Handel. Wülser liefert dafür ein Beispiel: «In der Hafenstadt Mombasa, dem wichtigsten Umschlagplatz für Güter, dauert es fünf bis acht Wochen, um einen Container nach Nairobi zu befördern – für eine Strecke von rund 600 Kilometern.»

Wenn Reisen Glückssache ist

Und auch für den Personenverkehr könnte, wie Wülser ausführt, in manchen Ländern ein Schritt vom «Mittelalter in die Moderne» bevorstehen. In Südafrika etwa komme man anstandslos und innert Minuten an ein Visum, in Ruanda sei der Prozess sogar oftmals vollständig automatisiert. «Wenn Sie aber in den Kongo oder nach Burundi kommen, sieht es anders aus.» Grenzbeamte, die Pässe eigenmächtig für ungültig oder gefälscht erklärten, seien keine Seltenheit. «Solche Probleme lassen sich nur mit viel Zeit, Geduld und oft mit Geld justieren.»

In manchen Regionen Afrikas dürfte die Visafreiheit in der Praxis aber wenig verändern: «Dort kümmert sich die lokale Bevölkerung schlicht nicht um Grenzen», weiss Wülser. «Ich habe das etwa in Liberia an der Grenze zur Elfenbeinküste erlebt. Hier betrachten die Menschen die Grenze als Kunstprodukt von ehemaligen Kolonialbeamten, die auf dem Schreibtisch ihre Lineale auf der Landkarte angesetzt haben. Sie besuchen ihre Verwandten ohne Pass, weil niemand die Grenze kontrolliert.»