«Schwarze Witwe» sein ist Kult

Den Anschlag auf einen Bus im russischen Wolgograd am Montag soll eine sogenannte «schwarze Witwe», eine islamistische Selbstmordattentäterin, aus dem Nordkaukasus verübt haben. Tatsächlich stellt eine Kaukasus-Kennerin eine besorgniserregende Radikalisierung junger Frauen in Dagestan fest.

Eine Frau mit verschleiertem Gesicht hat eine Pistole in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Diese «Schwarze Witwe» soll am Anschlag auf die Moskauer U-Bahn 2010 beteiligt gewesen sein. Keystone Archiv

Von «Schwarzen Witwen» war während der blutigen Tschetschenienkriege oft die Rede: Islamistische Selbstmordattentäterinnen, die im Krieg für Tschetscheniens Unabhängigkeit ihren Mann oder ihre Brüder verloren hatten und sich mit einem Selbstmordanschlag an Russland rächten.

Der Krieg ist zwar vorbei, aber Russlands Antiterrorkampf hat den muslimischen Kaukasus radikalisiert. Aus den Unabhängigkeitskämpfern sind islamistische Extremisten geworden. Sie rufen auf zum heiligen Krieg gegen Russland und wollen einen islamischen Gottesstaat in der Region.

Schülerinnen werden gezielt radikalisiert

Jekaterina Sokirianskaja erforscht seit Jahren den Konflikt im Nordkaukasus. Sie sagt, bei ihrer Reise nach Dagestan habe sie bemerkt, dass sich besonders viele junge Mädchen und Frauen radikalisiert hätten. Dies beginne bereits in der Schule: Da treffen Mädchen auf radikal gesinnte Freundinnen. Doch zu Hause gibt es Streit mit den Eltern, die moderat gesinnt sind und den Kindern den Umgang mit ihnen verbieten wollen.

Die Mädchen brechen mit dem Elternhaus und ziehen zu den Freundinnen in Wohnungen, die islamischen Gemeinden gehören. So kommt es zu ersten Kontakten. Und bald wird den Mädchen in Aussicht gestellt, sie kämen ins Paradies, wenn sie einen Glaubenskrieger heiraten.

Jugend hat keine Perspektive

Sokirianska spricht von einem Kult bei Dagestans Mädchen. Viele Jugendliche in der Region haben keine Perspektive. Die Nachbarrepublik Tschetscheniens liegt wirtschaftlich am Boden, die Arbeitslosigkeit ist hoch, Schulen und Spitäler fehlen, die Armut ist weit verbreitet.

Vor diesem Hintergrund sei es für islamistische Extremisten leicht, die Mädchen für den Dschihad, den heiligen Krieg, zu gewinnen. Auch vor Selbstmordattentaten schrecken sie nicht mehr zurück, sagt Sokirianskaja.

Diese Mädchen hinterlassen Videoaufnahmen, die sie kurz vor dem geplanten Anschlag aufnehmen. «Ich hab mir kürzlich so eines angeschaut», sagt sie. «Es ist einfach fürchterlich zu sehen, wie diese jungen Mädchen ihre Freundinnen und Kolleginnen aufrufen, ebenfalls in den heiligen Krieg zu ziehen.»

Solange Russlands Kaukasus-Politik wirkungslos bleibt, werden Dagestans Jugendliche diesen Pfad der Radikalisierung weiterhin einschlagen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel