Schweizer Blaumützen am Golan – Beobachter an sensibler Grenze

Auch die Schweizer Armee ist in Syrien – mit Militärbeobachtern im Grenzgebiet am Golan. Sie überwachen in einer jahrzehntealten UNO-Mission den Waffenstillstand mit Israel. Doch der Krieg hat die Arbeit der Blaumützen an der «Alphalinie» drastisch verändert.

Das «Auge der Weltgemeinschaft»: Schweizer Blaumützen am Golan

Der Dieselgenerator rattert auf Observationsposten 51. Daneben der Schutzraum, für den Fall der Fälle. Auch ein gepanzertes Fahrzeug steht bereit, falls die drei Militärbeobachter, die hier stationiert sind, den Posten unter Feuer evakuieren müssten.

Dominik Weber steht im Wind auf der weissen Betonplattform. Die blaue Fahne der UNO flattert neben ihm. Am Horizont der schneebedecke Hermonberg, die Hochebene öffnet sich nach Syrien. Damaskus ist nur 60 Kilometer entfernt. «Und dann im Vordergrund sehen Sie einen grossen Zaun, dem entlang folgt mehr oder weniger die Alphalinie, die für uns hier wichtig ist», erklärt Weber.

Die Alphalinie, so nennen die Militärbeobachter die Waffenstillstandslinie seit dem letzten Krieg zwischen Syrien und Israel in den Siebzigerjahren. Östlich davon schliesst eine Pufferzone an, an ihrer breitesten Stelle neun Kilometer tief. Auf beides, den Grenzzaun und die Pufferzone, ist das Interesse der Blaumützen gerichtet. Und ihr Präzisionsfernrohr.

Die Lage ist ruhig an diesem Morgen. Eine grosse Antenne verbindet den Posten der unbewaffneten Militärbeobachter mit der Operationsbasis der bewaffneten Blauhelme, die ebenfalls in der Hochebene stationiert sind.

Weber ist Hauptmann in der Schweizer Armee. Für ein Jahr am Golan für die UNO im Einsatz. Ein Este und ein Schwede sind gerade mit ihm eingeteilt. Ablösung kommt nach einer Woche.

Wertvoller Erfahrungsaustausch

Die Tage können lang sein auf dem Aussenposten. Der Luzerner hält dem die internationalen Kontakte mit andern Offizieren entgegen, von denen einige Einsätze in Afghanistan oder Irak geleistet haben. Ein Erfahrungsaustauch, der für einen Schweizer Milizoffizier nicht selbstverständlich sei: «Man lernt Leute aus allen möglichen Ländern der Welt kennen. Man kann auch sehr viel Lernen von den verschiedenen Arbeitsweisen und Kulturen.»

An der Wand im Büro neben der kleinen Küche hängen Landkarten, ein Poster mit Silhouetten militärischer Geräte, als Bestimmungshilfe. Die Blaumützen sollen nicht nur beobachten, sondern auch identifizieren: «Wenn wir wissen, welche Gerätschaft wir sehen, dann ist es meistens auch so, dass wir wissen, zu welcher Seite wir das zuordnen können.» Meistens, aber nicht immer. Die Rapporte der Beobachter sind geheim, doch in die Rechenschaftsberichte des UNO-
Generalsekretärs fliessen sie in vielen Details ein.

Regelmässig massive Verstösse

In der Pufferzone, die eigentlich Israel und Syrien auseinanderhalten soll, bekämpfen Rebellen syrische Regierungstruppen, oder einander gegenseitig. Beide Seiten mit Panzern und Artillerie.

Seit zwei Jahren rapportieren die Beobachter zahllose und massive Verstösse gegen die Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens. Sie bekamen schon Wagen der UNO vor die Linse, die von Dschihadisten gefahren wurden, geplündert aus Blauhelmstellungen. Manche gerieten zwischen die Fronten, andere wurden gezielt beschossen. Aufständische machten gar Blauhelme zu Geiseln, nahmen ihnen die Waffen ab.

Die Übergriffe wurden so massiv, dass sich die UNO letztlich ganz aus der Pufferzone zurückzog, die eigentlich ihr vorbehalten wäre. Ins israelisch besetzte Gebiet. Auch dieser westliche Teil des Golans ist völkerrechtlich ein Teil Syriens. Die UNO legt Wert darauf, auch wenn Israel ihn seit Jahrzehnten für sich beansprucht.

«  Wir als Beobachter haben genügend Informationen, so dass wir uns rechtzeitig in Sicherheit bringen könnten. »

Dominik Weber
Hauptmann der Schweizer Armee

 

Der Observationsposten 51 und vier weitere entlang des Grenzzauns werden noch betrieben. In relativer Sicherheit, sagt Weber: «Die Gefahr ist natürlich ein Thema, wir als Beobachter aber haben genügend Informationen, so dass wir uns rechtzeitig in Sicherheit bringen könnten.»

Ein Waadtländer Kamerad

Hauptmann Nicolas Weber aus Nyon meldet den Geländewagen an zur Patrouillenfahrt. In dem Teil der Hochebene, den Israel besetzt, können die Militärbeobachter ihr Mandat noch einigermassen so wahrnehmen, wie es die Verträge vorsehen.

Allerdings, auch Israel hat mit dem Syrienkrieg am Golan Mannschaften und schweres Gerät aufgefahren – über die im Waffenstillstandsabkommen einst festgelegten Obergrenzen hinaus.

Sporadisch registrieren die Militärbeobachter auch Schusswechsel über die Demarkationslinie. Und manchmal öffnen Soldaten den Grenzzaun. Die Berichte der UNO verweisen auf wiederkehrende Kontakte zwischen der israelischen Armee und syrischen Rebellen.

Schusswechsel und Minen

Aber der offizielle Waffenstillstand zwischen Israel und Syrien hält, und die innersyrischen Kämpfe haben sich zuletzt eher an den südöstlichen Rand der Pufferzone verschoben, weit weg von Posten 51.

Das Risiko, dass Dominik Webers Team ins Visier kommt, ist damit fürs erste tatsächlich kleiner geworden. Gebannt ist es nicht. Und sogar auf den Patrouillenfahrten auf der israelisch besetzten Seite des Golans ist Vorsicht geboten: «Das Gelände ist vermint, man tut gut daran, die Wege nicht zu verlassen, sagt Nicolas Weber.

Der Waadtländer spricht von der Ehre, als Schweizer einen Beitrag im Dienste der Weltorganisation zu leisten. Und immerhin: Die UNO wurde am Golan zwar schwer gedemütigt, aber sie observiert noch – als «Auge der Weltgemeinschaft» an dieser sensiblen Grenze.