Seselj mischt die serbische Politik auf

Der wegen Kriegsverbrechen angeklagte serbische Nationalistenführer Vojislav Seselj ist nach zwölf Jahren Haft in den Niederlanden vorübergehend freigelassen worden. In Belgrad wurde der an Krebs Erkrankte begeistert empfangen.

Seselj spricht in ein Mikrofon, eine blaue Flagge verdeckt ihn halb. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nach der Ankunft in Belgrad spricht Seselj vom Parteisekretariat aus zu Tausenden Anhängern. Keystone

Tausende Anhänger haben den serbischen Ultranationalisten Vojislav Seselj in Belgrad gefeiert. Er hatte das Gefängnis in den Niederlanden am Mittwoch nach zwölf Jahren Haft verlassen können und war umgehend in seine Heimat zurückgereist.

An Krebs erkrankt

Die Richter des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag hatten vor einer Woche die einstweilige Freilassung des ehemaligen serbischen Spitzenpolitikers verfügt.

Grund ist die angeschlagene Gesundheit des 60-Jährigen. Seselj leidet an Krebs. Deshalb dürfe er sich in Serbien einer medizinischen Behandlung unterziehen, so die Richter. Allerdings dürfe er sein Verfahren nicht beeinflussen und müsse wieder vor Gericht erscheinen, wenn er dazu aufgefordert werde, ordneten sie an.

Seselj hatte sich im Dezember 2013 einer Darmkrebs-Operation unterziehen müssen. Nach Angaben seiner Serbisch Radikalen Partei SRS leidet er inzwischen auch an Leberkrebs.

Tausende Anhänger feiern Seselj

«Die Reaktionen in Belgrad sind massiv», berichtet SRF-Südosteuropa-Korrespondent Walter Müller. Schon am Flughafen sei Seselj von Hunderten seiner ultranationalistischen Anhänger empfangen worden. Er sei sodann in die Zentrale seiner Partei SRS gefahren und habe dort vom Balkon aus zu Tausenden Anhängern gesprochen. «In der gleichen aufsässigen Art, wie er das in den 90er-Jahren während der Balkankriege getan hat», so Müller.

Seselj verkündete dabei seinen Sieg über das UNO-Tribunal. «Sie haben mich brutal aus meinem Kerker geworfen. Ich habe nicht darum gebeten, oder Bedingungen gestellt. Sie wollten mich nur so schnell wie möglich loswerden.» Er kündigte an, wieder in die Politik einsteigen und die Regierung von Ministerpräsident Aleksandar Vucic stürzen zu wollen.

Seselj in Belgrad von Tausenden Anhängern gefeiert

5:23 min, aus SRF 4 News aktuell vom 13.11.2014

Der Traum von Gross-Serbien

Laut Müller beschimpfte Seselj den Premier sowie Staatspräsident Tomislav Nikolic als «Abtrünnige und Verräter», die er «von der Bühne fegen» werde. Vucic und Nikolic sind eigentlich Ziehsöhne von Seselj, beide waren Mitglieder seiner radikalen SRS. 2008 gründeten sie die Fortschrittspartei, welche mittlerweile stärkste politische Kraft in Serbien ist. Die Partei ist zwar immer noch nationalistisch, gibt sich aber sehr pro-europäisch und hat als Ziel den EU-Beitritt formuliert.

Seselj seinerseits träumt immer noch von einem Gross-Serbien. Allerdings ist seine SRS nicht mehr im Parlament vertreten. Trotzdem schätzt Korrespondent Müller den Ultranationalisten als latente Bedrohung für die amtierende Regierung ein. «Er bringt Vucic und Nikolic wegen der gemeinsamen Vergangenheit in Verlegenheit.» Seselj werde die beiden nun ständig daran erinnern. «Der super-intelligente Demagoge wird die serbische Politik in den nächsten Monaten noch unruhiger machen, als sie ohnehin schon ist», ist der Korrespondent überzeugt.

Prozess läuft seit acht Jahren

Seselj hatte sich 2003 freiwillig dem UNO-Kriegsverbrechertribunal gestellt und sass seitdem in Untersuchungshaft. Im Jahr 2006 begann der Prozess gegen ihn wegen Kriegsverbrechen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina zwischen 1991 und 1994. «Er war ein Kriegshetzer», sagt Müller. Seselj habe alle ausser den Serben vertreiben wollen und Listen mit unliebsamen Personen erstellt. «Doch an das scheint sich hier in Serbien niemand mehr zu erinnern», so Müller.

Die Anklage in Den Haag fordert 28 Jahre Haft für Seselj, der sich selbst verteidigt und mit Verfahrenstricks den Prozess immer wieder verzögert. So steht ein Urteil denn auch noch aus. Während des bisherigen Verfahrens wurde Seselj mehrfach wegen Missachtung des Gerichts zu Haftstrafen zwischen 15 und 24 Monaten verurteilt.