Zum Inhalt springen
Inhalt

International «Sie haben Zelte versprochen – passiert ist nichts»

Michael Räber arbeitet als freiwilliger Helfer auf Lesbos. Dort stellt er für die durchnässten Flüchtlinge Heizungen auf – und kann nicht verstehen, warum sich weder die Regierung noch die Hilfsorganisationen blicken lassen. Dass im Winter weniger Flüchtlinge kommen werden, glaubt er nicht.

Ein Mann kleidet einen Jungen mit einer Rettungsdecke ein
Legende: Michael Räber kleidet einen Jungen, der nach zwei Stunden Überfahrt total durchnässt ist, mit einer Rettungsdecke ein. Daphne Toli

SRF News: Michael Räber, Sie sind als freiwilliger Helfer in Lesbos vor Ort. Was machen Sie dort genau?

Michael Räber: Wir sind am Strand im Einsatz – genauer gesagt an jenem Küstenstreifen, an dem die Flüchtlingsboote ankommen. Dort sind wir mit Flutlichtern und Heizungen unterwegs. Damit beleuchten wir die Landeplätze für die Boote, die nachts ankommen. Dank der Heizungen können sich die Leute aufwärmen und danach trockene Kleider anziehen. Im Moment versuchen wir, auch andere Helfer und Organisationen davon zu überzeugen, Heizungen anzuschaffen. Zudem haben wir eine Gruppe spanischer Rettungsschwimmer mit Akku-Leuchten ausgerüstet, damit sie auch in der Nacht arbeiten können.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Die Zusammenarbeit mit anderen privaten Helfern funktioniert gut, wir arbeiten Hand in Hand. Neben den spanischen Rettungsschwimmern sind beispielsweise Gruppen von Helfern aus Norwegen und Holland da. Letztere unterstützen die Flüchtlinge mit Wasser und Essen.

Auch die Einwohner von Lesbos sind unglaublich solidarisch und helfen mit, Leute aus dem Wasser zu ziehen oder wiederzubeleben. Diesen Einsatz rechne ich ihnen hoch an, da die vielen Flüchtlinge für sie zur Folge haben, dass der Tourismus wegbricht.

Sie sprechen von privaten Helfern und von den Einwohnern. Wo ist denn die Regierung, wo sind die grossen Hilfswerke wie das Rote Kreuz oder das Uno-Flüchtlingswerk UNHCR?

Die sind nirgends. Von den offiziellen Stellen ist niemand präsent. Zwar gibt es eine kleine Anzahl von Polizisten, die Patrouillen machen und die auch helfen, wenn es einen Notfall gibt. Doch es sind schlicht zu wenige. Diese zehn Kilometer Strand, an denen die Flüchtlinge ankommen, werden ausschliesslich von privaten Bürgern betreut. Die Ausnahme ist eine Gruppe von Helfern des hellenischen Roten Kreuzes, die vor Ort ist und viel leistet. Doch sie werden ebenso alleine gelassen wie wir alle.

Wissen Sie, warum weder Hilfswerke noch die Regierung vor Ort sind?

Nein. Es ist mir nicht zuletzt darum unerklärlich, weil sowohl das UNHCR als auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz Regierungsgelder erhalten. Das UNHCR hatte uns vor drei Wochen versprochen, dass sie am Strand alle Kilometer ein Zelt für die Flüchtlinge aufstellen – passiert ist nichts. Das einzige, was das UNHCR macht, ist, die Flüchtlinge mit Bussen über die Insel zu transportieren. Und als wir ihnen Plachen angeboten haben für die Flüchtlinge, haben sie uns weggeschickt – und uns gesagt, dass wir Helfer mehr schadeten als nützten. Für mich ist das unbegreiflich.

Was Griechenland betrifft, so glaube ich, dass die Regierung einfach total überfordert ist. Nicht zuletzt, weil sie von den europäischen Partnern total im Stich gelassen wird.

Sind Sie alleine vor Ort?

Im Moment ist ein Freund da, der mithilft. Davor waren meine Frau, meine Schwester und meine Tante hier. Und im Dezember kommt noch mein Bruder, um zu helfen.

Wird es Ihnen manchmal nicht zu viel – gerade nach dem Bootsunglück vor zwei Tagen, als viele Menschen nur noch tot geborgen werden konnten?

Doch, immer wieder. An einem Tag bin ich deshalb auf die andere Seite der Insel gefahren und habe mich einen Tag lang entspannt. Es ist ein Kreis von Traurigkeit, Wut und Motivation. Doch am Ende siegt die Motivation. Jeden Tag gibt es wieder Momente, in denen ich mir sage, das hat sich gelohnt. Wenn ich auch nur schon ein Leben gerettet habe, hat es sich gelohnt. Mein Plan ist, als nächstes ein Schiff zu chartern und den Menschen im Wasser direkt zu helfen.

Ich glaube deshalb nicht, dass der Zustrom abnehmen wird, wenn das Wetter schlechter wird.
Flüchtlinge sitzen auf einem Boot, das fast am Untergehen ist
Legende: Trotz der Kälte nehmen viele Menschen die gefährliche Überfahrt auf sich – einige auch in der Nacht. Keystone

Der Sommer ist vorbei, doch noch immer kommen viele Flüchtlinge an. Wie geht ihnen?

Schlecht. Das Problem ist nicht nur die Kälte, sondern vor allem der Wind. Die Menschen sind stundenlang auf dem Meer und völlig durchnässt und ausgekühlt. – Für mich sind das wahnsinnige Zustände; wir sind doch in Europa, wo die Ressourcen vorhanden sein müssten, um das zu verhindern!

Es kommen also nicht weniger Flüchtlinge an als im Sommer?

Nein, eher noch mehr. An gewissen Tagen sind es 7000 bis 8000 Flüchtlinge. Weil die Nachfrage steigt, verlangen die Schlepper auch mehr Geld: Statt 1100 Euro kostet die Überfahrt jetzt 1500 Euro. Ich glaube deshalb nicht, dass der Zustrom abnehmen wird, wenn das Wetter schlechter wird. So haben mir ein paar Afghanen erzählt, dass sie 100 Euro Rabatt gekriegt hätten, weil sie im Gewittersturm losgefahren sind.

Michael Räber

Michael Räber

Michael Räber hatte im Sommer mit seiner Frau in Griechenland Ferien gemacht, als er Zeuge des Flüchtlingselends wurde. Seither ist er mehrmals für längere Zeit nach Griechenland gereist, um vor Ort zu helfen. Im Moment ist er auf Lesbos, wo viele Flüchtlingsboote ankommen. Seine Hilfe finanziert Räber durch Spenden via seine Seite schwizerchrüz.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Susanne Lüscher (Lol)
    Klar passiert nichts, der Flüchtlingsstrom ist gewollt. Man muss nur die Bücher von Thomas Barnett lesen. Ob unsere Regierung oder die Presse die schweigen bzw. die reklamieren nicht, wenn die USA völkerrechtswidrig in Ländern Regierungsstürze verursachen. Viele Leute, die noch Geschichtsunterricht gehabt haben, wissen mittlerweile, dass es nicht ganz so wahr, wie uns erzählt wurde.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Mich beschleicht langsam ein böser Verdacht. Offenbar will man gezielt diese Menschen in Seenot bringen und nimmt billigend in Kauf dass viele dabei ertrinken, und dies auch nur um eine Flüchtlings-PR-Kampagne in Europa mit solchen Bildern abhalten zu können. In dieser Region sollte es möglich sein eine gute und sogar lückenlose Ueberwachung zu haben oder aufzubauen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Jürg Sand (Jürg Sand)
    Ich habe mich getäuscht, ich dachte mit dem Winter versiege der Strom bis er wieder im Frühjahr anschwelle. Das heisst jetzt, dass es noch viel dicker kommt und unsere Politiker und Beamten sich nicht einmal in Ruhe der erbosten Bevölkerung mit Beschwichtigungen, Ermahnungen, Drohungen und verharmlosenden Statistiken widmen können. Ich glaube, es ist Zeit zu Handeln oder augenblicklich zurückzutreten. Das gilt für die meist dickbäuchigen EU-Versager wie für deren Vasallen in der Schweiz!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von robert mathis (veritas)
      wo sind die eingebildeten Politiker-innen welche sich in das geschehen der ganzen welt einmischen und herum reisen aber zu hause die wichtigsten hausaufgaben vernachlässigen
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Christa lohmann (Saleve2)
      Sie sind doch da, fast täglich auf ihren Konferenzen und Sitzungen. Sie mühen sich ab, um ihren Schwachsinn aus ihren Köpfen zu bekommen. Und wir dürfen auch mitarbeiten, und die Lügen sprachlos über uns ergehen zu lassen. Und gibt es mal einen, der zufällig einen hellen Moment hat, wird er überstimmt. Also auf zur nächsten Krisensitzung.....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen