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International «Sie will nicht die sein, die in der Krise das Schiff verlässt»

Am 22. November 2005 wurde Angela Merkel das erste Mal zur Kanzlerin gewählt. Nach zehn Jahren und fast drei Amtsperioden stellt ihr der Merkel-Biograf Stefan Kornelius ein gutes Zeugnis aus. In der aktuellen Flüchtlingskrise vermisst er aber «die klassische Merkel-Taktik».

Angela Merkel
Legende: «Merkel gilt als Gegenteil ihres Vorgängers Gerhard Schröder: bodenständig und ohne Machtallüren.» Keystone

SRF News: Wie hat sich der europäische und der internationale Blick auf Deutschland geändert, seit Angela Merkel Kanzlerin ist?

Stefan Kornelius: Ihre zehn Jahre im Amt haben einen erstaunlichen Aufstieg Deutschlands in der Weltpolitik mit sich gebracht. In der Bankenkrise und der Eurokrise ist Deutschland immer stärker als Führungsnation hervorgetreten. Sie hat diesen Verantwortungszuwachs sehr gelassen angeführt. Dadurch hat sie vermittelt, dass Deutschland durchaus mehr Verantwortung in der Welt übernehmen kann.

Angela Merkel bei ihrer Vereidigung im Jahr 2005.
Legende: Angela Merkel wurde 2005 als erste Frau und als erste Ostdeutsche zur Kanzlerin vereidigt. Keystone

In der Flüchtlingskrise zeigte sich die Kanzlerin aussergewöhnlich emotional und wurde dafür kritisiert. Dies, obwohl ihr sonst vorgeworfen wird, sie führe sich eher auf wie eine Verwalterin als eine Politikerin. Wird die Emotionalität für sie zum Stolperstein?

Keiner weiss, wie diese Flüchtlingsströme zu bewältigen oder zu stoppen sind. Diese Menschen kommen nicht nach Europa, weil Angela Merkel Selfies mit Flüchtlingen macht, sondern weil Deutschland das wohlhabendste Land Europas ist und die liberalste Flüchtlingspolitik hat. Merkel hat beschlossen, dass sie dem Ganzen eine positive Haltung entgegenbringt.

Angela Merkel hat es versäumt, Empathie zu zeigen mit den Leuten, die Ängste vor Flüchtlingen haben.
Autor: Stefan Kornelius

Das vorsichtige Abwägen, diese klassische Merkel-Taktik, die vermisse ich bei der Flüchtlingsfrage.

Wieso zeigt sie sich denn genau bei diesem Thema so entschlossen?

Es gab im Sommer eine starke Emotionalität für die Flüchtlinge. Merkel wurde da ein Stück weit davongetragen, und als dann die Stimmung zu kippen zu drohte, hat sie es verpasst, den Skeptikern zu verstehen zu geben, welche Fluchthürden Deutschland aufrichten muss. Eine Bewegungsunfähigkeit ist entstanden, weil diese Hürden mit einem gewaltigen Gesichtsverlust der Kanzlerin verbunden wären.

Angela Merkel macht mit einem Flüchtling ein Selfie.
Legende: «Diese Menschen kommen nicht nach Europa weil Angela Merkel Selfies mit Flüchtlingen macht.» Keystone

Objektiv hat sie aber einen Punkt getroffen: Keiner kann sich mit einem Gewehr an die Grenze stellen und sagen: «Nein, hier kommt ihr nicht hinüber.» Aber das ist keine Antwort, sondern eine Symptombeschreibung.

In der Flüchtlingsfrage entstanden grosse Konflikte innerhalb ihrer Union, der CSU/CDU. Wie sind diese lösbar?

Es ist die Union, die den Konflikt lösen muss. Schliesslich hat sie ein Machtinteresse und kann sich nicht selbst zerstören. Deswegen bringt ein parteiinterner Aufstand gar nichts. Merkel ist in ihrer Führungsposition so unangefochten, dass es auch personell keine Alternative gibt, die der Union bessere Zeiten verspräche.

Ich gehe davon aus, dass wir im Moment zwar starke Turbulenzen erleben, aber in ein paar Monaten wird sich das beruhigt haben.

Wenn die Zahl der Flüchtlinge zurückgeht und Deutschland seine Werte nicht preisgegeben hat, könnte es sogar sein, dass Angela Merkel als grosse Gewinnerin hervorgeht.
Autor: Stefan Kornelius

Neben der Flüchtlingskrise sind rechte Randphänome wie die «Alternative für Deutschland» (AfD) und die «Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes» (Pegida) eine Baustelle. Welche Strategie hat Merkel im Umgang mit diesen Gruppierungen?

Angela Merkel sieht die Pegida und die AfD als direkte Folgen der Eurokrise und jetzt der Flüchtlingskrise – auch aus dem Terror in Paris werden diese Personen Kapital schlagen. Dementsprechend wird sie die Rechte mit der Bekämpfung der Krisen zurückzudrängen versuchen.

Angela Merkel wurde zweimal mit Glanzresultaten in ihrem Amt bestätigt – wieso ist das Verhältnis zwischen Deutschland und Angela Merkel so innig? Und inwiefern hat die momentane Situation diese Beziehung verändert?

Die Deutschen lieben Stabilität, wollen keine schnellen politischen Wechsel. Hier ist Angela Merkel die Antithese zu ihrem Vorgänger Gerhard Schröder, der sehr polternd und gelegentlich machohaft daherkam. Sie gilt als bodenständig, hat keine Machtallüren entwickelt.

In der Flüchtlingskrise zeigt sich ein für Merkel untypischer Knick in ihrer Karriere.

Aber wenn es in einer zehnjährigen Kanzlerschaft nicht auch mal eine schwere Krise zu bewältigen gilt, dann würde mich das sehr wundern.
Autor: Stefan Kornelius

Wird Angela Merkel im Herbst 2017 zu einer vierten Amtszeit antreten?

Ich kann da noch keine Prognose machen, da ich mir sicher bin, dass sie den Entscheid selber noch nicht gefasst hat. Sie wird sich aufgrund der Stimmung entscheiden, die in einem Jahr herrscht. Merkel möchte sicher nicht als Kanzlerin in die Geschichte eingehen, die fluchtartig das Schiff verlässt, wenn es eine Krise gibt.

Stefan Kornelius

Stefan Kornelius
Legende: Sueddeutsche Zeitung

Der deutsche Journalist wurde 1965 in Weinheim geboren. Nach freier Mitarbeit bei der BBC und dem «Stern» wechselte er zur «Sueddeutschen Zeitung», wo er als Korrespondent in Bonn und Washington arbeitete. Seit 2000 leitet er dort das aussenpolitische Ressort. 2013 hat er die Biografie «Angela Merkel. Die Kanzlerin und ihre Welt» veröffentlicht.

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32 Kommentare

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  • Kommentar von Ursula Schüpbach (Artio)
    Kürzlich hat Angela Merkel ja offiziell die Schweiz besucht. An der Uni Bern hat sie was abgeliefert, was manche Herren der Schöpfung dort eher in Verlegenheit brachte. Schon nur der Berner Uni-Direktor wirkte wie ein Anfänger.
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  • Kommentar von Thomas Z (TZ)
    Wenn sich da mal der gute Kornelius nicht fürchterlich vertut mit seinem Hochhalten der Merkel-Mutti. Der redet mir zuviel auf Politikebene und vergisst die Bürgerbasis und die redet eindeutig eine andere Sprache. Von wegen in ein paar Monaten wird sich das beruhigt haben, - aber nicht die Finanzen, das Scheitern der Flüchtlingsintegrierung, würdige Unterkünfte, Arbeitsplätze - und dies alles verbunden mit den jahrelangen Unterlassungen zuhause selber mit Infrastruktur, Bildung, Kinderhilfe etc.
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  • Kommentar von m. fischbacher (mifi)
    Edward John Smith ( Kapitän der Titanic) tat das selbe! Die Titanic ist mit Mann und Maus abgesoffen...
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