Skandal in China: Massenhaft wirkungslose Impfungen verabreicht

Über Jahre hinweg wurden verdorbene Impfstoffe an chinesische Kinder verabreicht. Nach dem Milchpulver-Skandal von 2008 ist Peking mit dem nächsten Gesundheitsskandal konfrontiert. Unser Korrespondent beschreibt die fatalen Verwicklungen von Schweigen und Schwarzmarkt.

Ein chinesisches Kind wird geimpft (Spital in Qingdao, 2011). Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Verlieren die Chinesen das Vertrauen in das staatliche Gesundheitssystem? Der Skandal schlägt hohe Wellen. Keystone

Ein Impfskandal erschüttert derzeit das Vertrauen in die chinesischen Gesundheitsbehörden. Ein Händlerring soll im grossen Stil Impfstoffe aufgekauft haben. Auf der Strecke blieb dabei die «Qualitätssicherung»: Die Impfstoffe wurden entweder unsachgemäss gelagert, oder ihre Mindesthaltbarkeit war abgelaufen. Auf verschlungenen Pfaden sollen die Medikamente schliesslich wieder in den staatlichen Impfzentren gelandet sein. Und das in einem Land, in dem jährlich eine Milliarde Impfungen vorgenommen werden.

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Martin Aldrovandi

Martin Aldrovandi

Martin Aldrovandi ist seit 2016 Korrespondent für Radio SRF in Nordostasien mit Sitz in Shanghai. Zuvor hatte er mehrere Jahre lang als freier Journalist aus dem chinesischsprachigen Raum berichtet.

SRF News: Wie fanden die Stoffe den Weg in die chinesischen Impfzentren?

Martin Aldrovandi: Im Mittelpunkt dieses Händlerrings standen offenbar eine Apothekerin und deren Tochter. Sie sollen die abgelaufenen Impfstoffe von Herstellern aufgekauft und dann an Zwischenhändler weiterverkauft haben. Letztere verkauften die Impfstoffe dann weiter an Kliniken.Der Händlerring und die Hersteller, die diese Impfstoffe verkauften, wurden offenbar gedeckt – teils vielleicht auch von den Behörden, die das mit angeschaut haben.

Die chinesischen Behörden sollen etwa 20‘000 Impfdosen beschlagnahmt haben. Es sollen aber noch viel mehr im Umlauf sein. Um welche Art von Impfungen handelt es sich?

Bis jetzt ist bekannt, dass es sich nicht um sogenannt obligatorische Impfungen handelt. Stattdessen sollen es Impfungen gewesen sein, die von den Patienten bzw. den Eltern der Kinder selbst bezahlt werden. Etwa solche gegen Hepatitis B oder auch bestimmte Virus-Impfungen. Die obligatorischen und vom Staat gedeckten Impfungen, etwa gegen Masern, sind von diesem Skandal nicht betroffen. Zumindest nach heutigem Wissensstand.

Muss man davon ausgehen, dass die Kontrollen nicht funktionieren oder die Aufsichtsbehörden womöglich gar an diesem Handel beteiligt sind?

Impfskandal erschüttert China

5:00 min, aus SRF 4 News aktuell vom 30.03.2016

Das Problem ist wohl, dass die Aufsicht zumindest vernachlässigt wurde. Es soll nur etwa 500 Beamte geben, die beispielsweise den Transport oder auch die Lagerung der Impfstoffe prüfen. Gleichzeitig gibt es in China mehrere tausend Medikamentenhersteller, über zehntausend Händler und noch sehr viel mehr Apotheker. Es ist also gar nicht möglich, dass diese Beamten das alles ständig kontrollieren. Zurzeit läuft eine Untersuchung, wie es soweit kommen konnte. Dann wird hoffentlich klarer, inwiefern Beamte selbst involviert waren.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat betont, die Impfstoffe seien nicht schädlich, im schlimmsten Fall hätten sie einfach ihre Wirksamkeit verloren. Gibt es in China die Befürchtung, die Chinesen könnten das Vertrauen verlieren und nun auf diese nicht obligatorischen Impfungen verzichten?

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Milchpulverskandal

Milchpulverskandal

Der Lebensmittelskandal wurde 2008 aufgedeckt. Dabei wurde gesundheitsschädliches Melamin Milchprodukten beigemischt, um so trotz verdünnter Milch einen hohen Proteinanteil vorzutäuschen. 300‘000 Babys erkrankten an der gepanschten Nahrung, sechs von ihnen starben.

Von einem Vertrauensverlust ist aktuell oft die Rede. Viele Eltern regen sich etwa in Internetforen auf und sind schockiert, dass man ihren Kindern womöglich Impfungen verabreicht hat, die gar nichts nützen.

Der Impfskandal soll den Behörden schon seit einem Jahr bekannt gewesen sein. Jetzt erst ist er an die Öffentlichkeit gekommen, es wird eine Untersuchung durchgeführt, es kommt zu Verhaftungen – irgendwie, ist das ein Déjà-vu, Stichwort Milchpulverskandal.

Beim Milchpulverskandal sind Kleinkinder umgekommen. Deswegen kann man es nicht direkt vergleichen. Vergleichbar ist allerdings, dass man in beiden Fällen die Augen sehr lange zugemacht hat und alles nicht wahrhaben wollte. Noch heute fahren ganz viele Chinesen zum Beispiel nach Hong Kong, um sich mit Milchpulver einzudecken. Denn sie trauen dem eigenen Produkt nicht mehr. Das ist nun zum Teil auch schon bei Impfungen der Fall. Eltern, die es sich leisten können, fahren ins Ausland, um ihre Kinder impfen zu lassen.